Blindflug – Wein-Podcast
Felix Bodmann & Sascha Radke
Beschreibung
Ein Wein-Podcast aus den Untiefen schwarzer Gläser
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Blindflug 192: Schlaraffenland ist abgebrannt
15.10.2026
Endlich – mit läppischen vier Jahren Anlauf – reden wir über Preise und deren Entwicklung in den letzten 20 Jahren. Die vier Jahre haben dabei den Kohl fett gemacht, oder eher mager, aber um das zu verstehen, hört Ihr am besten die Folge.
Und vorab wichtig wichtig wichtig: Das Verkostungspaket für unsere spektakuläre gemeinsame Verkostung am 3. Dezember könnt Ihr hier erwerben. Wir freuen uns auf einen großartigen gemeinsamen Weinbash.
Preise und ihre Entwicklung, oft gewünscht, lange prokrastiniert. Warum? Weil es kompliziert ist. Felix hat mal wieder ein paar Stunden recherchiert (was ihr übrigens mit einer Steady-Mitgliedschaft unterstützen könnt). Fazit: eigentlich kann man jede Meinung mit schönen Beispielen untermauern. Also fühlt er sich genötigt, seine eigene Erfahrung in die Waagschale zu werfen, ohne jede Rechthaberei, nur als Meinung und Vorschlag für Unentschlossene. Sein Fazit: Deutschlands Weine sind ganz überwiegend immer noch sehr preisgünstig – aber Schlaraffenland ist abgebrannt.
Colombo: 100 Jahre Pinot im Piemont
Felix hat sich in ein Weingut verliebt: Colombo. Mehr dazu bei seiner Vipino-Beschreibung zu den Weinen. Die sitzen im Alta-Langa-Gebiet und machen fantastischen Schaumwein – und Pinot. Andrea Colombos Vater hat das Weingut gekauft, weil er Lust auf beides hatte und stellte im Kaufprozess anhand der Unterlagen fest, dass eine der Parzellen schon vor über 70 Jahren mit Pinot bestockt wurde. Das hat das Projekt ‚Spitzenpinot aus dem Piemont‘ erheblich beschleunigt. Heute sind die Reben 100 Jahre alt und der Wein heißt Pinot Nero Maxima 2021 ein wahres Gedicht. Sascha ist sehr glücklich und der Zaungast regt einen kleinen Personalkauf an.
Wiedervorlage: Chacra passt jetzt
Sascha wurde von einem Hörer daran erinnert, das wir uns bei unser ersten, etwas verunglückten Begegnung mit dem 21er Pinot Noir Cincuenta y Cinco von Chacra aus Patagonien vorgenommen hatten, dem Wein noch einmal eine Chance zu geben. Wiedervorlage heute und was für eine wunderbare Ergänzung zum Colombo aus gleichem Jahr. Heute gefällt uns der Wein, aber nicht, weil er sich einem internationalen Pinot-Diktat unterworfen hätte. Was für ein wunderbares Pairing.
Viel Spaß bei einer neuen Episode unseres Podcasts.
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Blindflug 192 – Zusammenfassung
Folge zum Thema Preisentwicklung (Felix & Sascha) · Weine: Colombo Pinot Nero „Maxima“ 2021 (Piemont) und Chacra „Cincuenta y Cinco“ 2021 (Patagonien). Zeitangaben sind ungefähre Startpunkte.
Begrüßung & Wein 1 wird eingeschenkt (00:19 – 02:16)
Rückkehr im Herbst, spontan aufgenommen: Felix hat sich beim Termin „vertrottelt“ – Freitag/Samstag Champagner-Pop-up, Sonntag direkt an die Loire – deshalb springt Sascha kurzfristig ein. Wein 1 wird angekündigt: ein Pinot Nero „Maxima“ 2021 vom Weingut Colombo aus dem Piemont. Ein stiller „Zaungast“ (Thomas) trinkt mit. Vorab die Werbung in eigener Sache: ein Verkostungspaket mit sechs Weinen über Felix‘ Partner Vipino, das am Donnerstag, 3. Dezember, live mit den Hörern verkostet wird (Link unter der Folge).
Hauptthema Preisentwicklung: Methode & die große Zahl (02:16 – 06:40)
Lang gewünschtes Thema (drei, vier Hörerfragen zur Entwicklung der Weinpreise im Verhältnis zu Löhnen und Inflation). Felix ist kein Volkswirt und hat einen VWL-Professor gefragt: Eine separate Reallohnentwicklung brauche man nicht, die Inflation bilde alles ab – im Warenkorb steckt sogar eine Flasche Wein; beides zu verrechnen wäre „doppelt gemoppelt“. Relevant wären nur strukturelle Einkommensänderungen, die über 20 Jahre aber gering sind (konstant 19 % Mehrwertsteuer, kaum veränderte Steuersätze; Soli weg, dafür Pflegeversicherung teurer – unterm Strich 1–2 %, vernachlässigbar). Gerechnet wird mit dem jährlichen Verbraucherpreisindex (VPI) von Destatis, einmal von einer KI, zur Kontrolle von einer zweiten gegengerechnet. Kernzahl: die kumulierte Inflation von 2006 bis heute liegt bei rund 50 %. Historisch gar nicht dramatisch, aber die letzten Jahre haben stark zugelegt (bis Ende 2025 ~44 %, plus 3,2 % in den ersten acht Monaten 2026 – und die wirken auf die bereits gestiegene Basis). Bei Wein lag der Höhepunkt der Preiseskalation laut KI meist 2017–2020 (konkret 2018), danach wurde trotz der explodierenden Inflation kaum noch angepasst.
Qualität vs. Qualitätsversprechen – das Beispiel 2006 (06:40 – 15:37)
Felix nutzt sein altes, handgeführtes Kellerbuch für detaillierte Preise der frühen Jahre. Erstes Basisbeispiel: Borell-Diehl (Hainfeld) und ein weiteres Pfälzer Gut. Die Hainfelder Kapelle, Kabinett trocken 2006, kostete damals 4 € (Weinwelt-Verkostung, Sieger unter 5 €, ~90 Punkte). Kabinett trocken ist heute fast überall ausgemustert; auch viele Nicht-VDP-Güter haben ihre nicht klassifizierten Lagen beerdigt (die Hainfelder Kapelle gibt es bei Borell-Diehl nicht mehr als Lagenwein). Heute: Ortswein Buntsandstein 7,90 €, Liter 5,90 €. Nur mit Inflation müsste der Wein 6 € kosten; der Einstieg liegt ~33 % darüber – profitabler ist das aber garantiert nicht. Kernpunkt: Man zahlt oft höhere Qualität, in Teilen aber nur ein Qualitätsversprechen. 2006 gilt als „Scheißjahr“, was aber die Riesling-Dominanz widerspiegelt: Während der Fußball-WM kein Regen, danach Dauerregen; die in der kurzen Trockenphase geernteten Burgundersorten (und die Ahr) waren sehr gut (Beispiel Rebholz Sonnenschein 2006, Pinot). Beim Riesling wurde viel mit Aktivkohle geschönt, 2006 oft pauschal über alles – viele dieser Weine waren nach drei Jahren tot, GGs teils noch schlimmer. Heute wird mit Zwei-Eimer-Lese gezielter sortiert und geschönt (auch 2025 in Teilen Deutschlands nötig), die Qualität ist höher. Qualitätssteigerung ist keine echte Preissteigerung, weil man nicht mehr das gleiche Produkt bezahlt.
Der Wein-VPI, Destatis & der Rabatt-Mechanismus (15:37 – 20:14)
Destatis führt einen eigenen Verbraucherpreisindex für Wein, der Qualität berücksichtigt. Zahlen: 2005 VPI gesamt 81,5 / Wein 82,0; 2015 94,5 / 97,7 (Wein teurer); August 2026 aber 125,8 / Wein 118,8 – Wein ist real rund 6,1 % günstiger geworden. Der Teilindex misst allerdings vor allem LEH und Discount, nicht den Verkauf ab Hof: Rund 200 Millionen der ~1,5 Milliarden in Deutschland verkauften Flaschen laufen über Discount (Rotkäppchen, Freixenet & Co.), was einen starken Zug nach unten erzeugt. Dazu die Methodik: Bei Computern, Mieten etc. wird Qualitäts- von Preissteigerung getrennt (teils mit Gutachtern); bei Wein wird ein neues Produkt pauschal als Qualitätssteigerung gewertet. Bio-Beispiel Klingenmünster „Maria Magdalena“ Kabinett trocken (4,60 € damals), heute Bio – der Bio-Wert ist schwer zu beziffern. Zweiter Hebel: der Händlerrabatt stieg von früher max. 30 % auf heute 40 %.
Anekdote Händlerrabatt & GG-Preise 2007 (Teil 1) (20:14 – 24:03)
Felix erlebte 2016 live, wie ein großer Händler einem aufstrebenden Winzer riet, den Gutswein in zwei Schritten zu erhöhen (7,75 → 8,50 → 10 €) und ihm dann mit 40 % zu liefern – für den Händler trotz Preisanstieg mehr Marge bei großer Menge. Das hat den Wein für den Endkunden aber nicht wirklich teurer gemacht, weil es 2009 keinen stationären Händler zu Gutspreisen gab; die Stadtkäufer zahlten schon immer mehr, heute ist es nur der Listenpreis. „Die auf dem Dorf zahlen mehr.“ Beispiel Bassermann-Jordan „Auf der Mauer“ 2007 (Folge 9): 14 € im Juli 2008, mit Inflation ~20,80 €, ab Weingut heute 23 €, online 19,90 €. Dann liest Felix GG-Preise aus dem Kellerbuch von 2007: Bassermann-Jordan Kirchenstück 35 € → heute 145 €; Jesuitengarten 28 → 65; Kieselberg/Ungeheuer aktuell 39/49.
GG-Preise 2007 (Teil 2) & das Problem der Rosinenpickerei (24:03 – 28:40)
Weiter mit der Liste: Bürklin-Wolf Gaisböhl 26,50 € → heute 80; Hohenmorgen 36 → 80; Ruppertsberger Ortswein 21, Gutsriesling 14. Mosbacher Kieselberg 20, von Buhl Pechstein 24. Knipser alle GGs 19. Philipp Kuhn Steinbuckel 18, Großer Garten/Kirchgarten 19. Dönnhoff Hermannshöhle 31,50, Dellchen 29,50 (heute ~60). Christmann Idig 31. Keller Kirchspiel 31,50, Hubacker 30,50. Emrich-Schönleber Frühlingsplätzchen 54 € (Magnum). Clemens Busch 18 € (einfach) bzw. 42 € (Raffes) – damals eines der teuersten GGs. Leitz Berg Rottland Alte Reben 29,50 (heute ~70). Künstler Hochheimer Kirchenstück Goldkapsel 27,50. Gegenbeispiel, bei dem ein Vergleich keinen Sinn ergibt: Rings 2005 „Schwarzes Kreuz“ Cabernet Sauvignon für 8,60 €. Dazu Felix‘ im Intro verwendetes Primo-Nebbiolo-Zitat: „Be happy and pay the deficit.“
Die „Dazwischen“-Beispiele & Felix‘ Fazit (28:44 – 35:43)
Mit geeigneter Auswahl lässt sich alles und nichts beweisen. Beispiele: Peter Jakob Kühn Doosberg „Zwei Trauben“ L 2003 (16 € → 100, heute als Landgeflecht); Künstler Hochheimer Kirchenstück Kabinett 2004 (13 €); Thanisch Alte Reben 2005 (10 → 20); Philipp Kuhn Mandelpfad Sauvignon Blanc 2007 (10 €, heute „Tradition“ 11,50 – der Sauvignon-Aufpreis ist verschwunden); Klaus-Peter Keller Grüner Silvaner Gutswein 2007 (~7,40 → ~14,90); Winter Leckerberg 2007 (14,50 → 45, heute GG); Reinhold & Cornelia Schneider Weißburgunder Spätlese 2008 (13 → 15); Salwey Weißburgunder/Chardonnay 2009, heute „Oberrotweil Weiß“ (8,80 → 23); Dönnhoff Tonschiefer 2011 (11,50 → 16,50); Wittmann GGs 2011 Brunnenhäuschen/Morstein (38/39, heute 85/75 – die Rangfolge hat sich umgedreht); Battenfeld-Spanier Kirchenstück 2011 (29 → 65). Fazit: Es kommt auf den Zeitpunkt an – vor drei Jahren war es viel schlimmer, aktuell sind wir in einer Entspannungsphase, die Daten geben jeder Meinung recht. Felix‘ eigene Sicht: Früher reichte ein typisches Blindflughörer-Budget, um in Deutschland fast jeden Traum zu erfüllen (Ausnahmen: Beckers Pinot/Heydenreich ~95 €, G-Max, Bürklin Kirchenstück). Heute sind mehr Weine unerschwinglich – aber das ist eine „Normalisierung“ (Deutschland war die Ausnahme, dass sich jeder alles leisten konnte). Zugleich ist die Qualität massiv gestiegen: Wer Genuss maximieren will, lebt im Schlaraffenland; wer Prestige maximieren will, braucht ein großes Budget. Das Ausland folgt in einer späteren Folge.
Verkostung Wein 1 (Colombo) & Auflösung (35:43 – 45:05)
Sascha: ein klarer Rotwein mit süßem Fruchtkern (nicht süß), feinkörnigem Tannin hinter der Frucht, wenig Alkohol-Eindruck, sehr trinkig; er verortet eine Grenache-/Rhône-Anmutung, reinsortig, tippt auf Pinot, ~13,5 %, Jahrgang ~2021 (zwei Jahre Flasche, trinkreif ausgeliefert). Auflösung: Pinot Nero aus dem Piemont, Weingut Colombo, angesiedelt im Alta-Langa-Gebiet (Schaumwein-Spezialisten). Felix erklärt die Philosophie „Klarheit in der Frucht“ (Andrea Colombo), die Herkunft der über 100 Jahre alten Pinot-Reben (jemand pflanzte sie in den 1930ern), den Star-Herzchirurgen als Vater/Gründer und Riccardo Cottarella als beratenden Önologen. Zwei Pinots: „Maxima“ (der große) und „Apertura“. Dieser Wein wird bei 20–22 °C im Edelstahl vergoren (fünf Tage Kaltmazeration ohne Stängel), dann viel altes Holz, malolaktische Gärung. ~35 €, die Schaumweine ~30 – ab sofort in Felix‘ Vipino-Kollektion und Teil des Verkostungspakets.
Preis-Doppelmoral, Champagner-Pop-up & Proben-Pläne (45:05 – 1:04:45)
Sascha schildert die Preis-Doppelmoral: Beim billigen Hauswein mit Eigenlabel (Einkauf ~2–3,50 €, Verkauf 20 €) hat kaum jemand ein Problem, bei teurer Qualität wird nachgefragt und über Preis/Menge diskutiert – „Nerds für Nerds“, eine „Selbsthilfeorganisation“. Dazu die KaDeWe-Happy-Hour-Anekdote (Ayala, 2 Gläser für 18 €). Felix‘ „Herzensprobe“ am Pop-up: sechs rare Champagner, 249 €, kalkuliert als doppelter Flaschenpreis bei 5 cl. Auf der Liste u. a. Frédéric Savart „Haute Couture“, Marie-Noël Ledru (Gut existiert nicht mehr, letzter Jahrgang ~2016), Christophe Baron (Pinot Meunier), Suenen, Charles Heidsieck; Clos d’Ambonnay (Krug, ~2.300 €) bleibt bewusst außen vor. Sekundärmarkt-Referenz: Catawiki. Werbe-Learnings: Tip-Berlin-Anzeige brachte null, Instagram funktioniert. Das Pop-up wird künftig nur noch eintägig; geplant ist eine Ausweitung quer durch Deutschland (Usedom/Ahlbeck im Juni, Frankfurt, Tegernsee). Proben-Vorschau: Romanée-Conti (Januar, ~3.300 €, erstaunlich leicht zu verkaufen), Sassicaia, eine Saint-Cosme-„Le Poste“-Probe (Weiß und Rot), möglicherweise mit Ponsot nach oben erweiterbar. Emotionaler Moment: ein erfahrener Weinkenner kämpfte beim großen Ulysse Collin mit den Tränen.
Verkostung Wein 2 (Chacra) & Auflösung (1:04:45 – Ende)
Zum zweiten Mal im Podcast, auf Hörer-Erinnerung: ein Wein aus den 120er-Folgen, den die beiden damals nicht ganz verstanden hatten. Felix beschreibt einen satten Rotwein mit schöner Struktur, leicht cremigem (nicht buttrigem) Nachhall – kein BSA-Touch, eher Reife; das anfangs ruppige Tannin gibt sich mit Luft, aromatisch eher beerig/kompottig als kirschig, mit holziger Zigarrenkiste (altes Holz), ~14 %. Auflösung: Chacra aus Patagonien, Lage „Cincuenta y Cinco“, Pinot 2021 – mit nur 12 % Alkohol. Beim ersten Mal ratlos, jetzt gefällt er beiden sehr. Kernpunkt: Pinot mit 12 % ohne jede grüne Note ist eine echte Horizonterweiterung (in Deutschland klimatisch nicht machbar), während der Colombo mit 14 % im Vergleich fast schlanker schmeckt. Dazu die wiederkehrende Grenache-für-Pinot-Debatte und Felix‘ Idee einer Pinot-Probe „around the world“, in der dieser Wein nicht fehlen dürfte.
Der Beitrag Blindflug 192: Schlaraffenland ist abgebrannt erschien zuerst auf Der Schnutentunker.

Blindflug 191: Kork oder Schrauber
02.10.2026
Der Titel ist unvollständig. Eigentlich müsste er lauten: Bericht von einem, der auszog, den Bordeaux-Primeur-Zirkus zu erkunden (und jede Menge Tipps für die 25er Kampagne mitgebracht hat) und die ultimative Antwort auf die ewige Verschlussfrage. Kein Wunder, dass das die längste Blindflugfolge aller Zeiten ist.
Eines vorweg: im zweiten Teil hat Ollies Mikro den Saft verloren, aber das nur als Erklärung für den andersartigen Sound, denn eine Entschuldigung ist nicht nötig. Alles ist ohne Probleme verständlich.
Ollie is back und viele von Euch haben sich gewünscht, er möge sich mal vollumfänglich zu Bordeaux auskeksen. You want it, you get it. Also muss Felix den Wissenschaftler geben. Es stecken mehr als 30 Stunden Literaturarbeit in seinem Beitragt zu dieser Folge. Wer sich drüber freut, sollte vielleicht eine Steady-Mitgliedschaft in Betracht ziehen.
Kork oder Schrauber ist ein Thema, zu dem jeder eine Meinung hat, viele Weinfans berufen sich dabei auf Fakten, die keine sind. Hier kriegt ihr es jetzt also einmal in aller Ausführlichkeit von einem, der keine Meinung dazu hat, weil er sie vor der Arbeit an der Garderobe abgegeben hat. Seine Schlussfolgerungen? Sind nur zwei Stunden entfernt. Viel Spaß beim Deep Dive.
Warmer Silvaner – was würde Willi dazu sagen?
Ollie hat einen Silvaner im Gepäck. Pferd Willi 2023 von Dr. Heger. Felix ist bei Rotwein, weil er die ganze Zeit der Bordeaux-Geschichte lauscht und weil der Wein transportbedingt sehr warm ins Glas kommt. Er schmeckt nach Holz und Zigarrenkiste und daneben bietet er eher wenig. Auflösung: Neues Holzn hat der Wein nicht, ist aber recht lang auf der Hefe ausgebaut. Über die nächsten zwei Tage weiß der bei passender Temperatur durchaus zu gefallen. So ist es aber eher ein klassischer Fehlschlag.
Montrose 2001 – zweiter Versuch nach 12 Jahren
Felix bringt Montrose 2001 aus Bordeaux ins Glas, einen Wein, den er Ollie vor mehr als zehn Jahren schon einmal eingeschenkt hat. Damals hat Ollie sich beschwert, der Wein sei zu jung. Nun also der nächste Versuch und es ist die richtige Zeit. Ollie ist glücklich, Felix sowieso. Das ist kein großer Montrose, aber es ist ein wunderbar gereifter, druckvoller Bordeaux aus einer Zeit, als das noch mit 12,5 Prozent Alkohol ging. Tempi passati.
Viel Spaß bei einer neuen Episode unseres Podcasts.
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Blindflug – Folge 191
Zusammenfassung mit Ollie: Bordeaux-Jahrgang 2025 (En primeur) & Kork vs. Schraubverschluss
Begrüßung & Wein 1 wird eingeschenkt (00:28 – 01:49)
Ollie ist zu Gast; aufgenommen am 19. Juli in der Sommerpause. Ohne Würfeln schenkt Ollie zuerst ein und gibt den Wein für die Zuhörer preis: ein Drei-Sterne-Silvaner „Pferd Willi“ 2023 vom Weingut Dr. Heger (Baden, Kaiserstuhl) – eigens gewählt, weil Felix bekennender Silvaner-Fan ist.
Warum Ollie bei der En-primeur-Verkostung war & erste Jahrgangsthese (01:49 – 05:03)
Hörer hatten sich „mal was zu Bordeaux von Ollie“ gewünscht. Und Ollie muss was loswerden: Aufhänger war eine frühere Folge mit Flo, in der ein Video von Konstantin Baum MW erwähnt wurde (2025 sei gar kein so großer Jahrgang) – und dass Flo diese Einschätzung „ehrlich“ nannte. Ollie fand genau diese Reflexhaltung interessant: „nicht so gut wie alle sagen“ gilt automatisch als ehrlich. Er war selbst im April zwei Wochen bei der En-primeur-Verkostung in Bordeaux und berichtet, vor Ort seien sich alle einig gewesen, dass es kein großer Jahrgang sei. Dagegen stünden Händler-Hypes: Lobenberg (Bremen) pries ihn euphorisch als „wie 2022, nur besser“; Extraprima (Mannheim) postulierte eine „Badewanne“ (Spitze okay, Mittelklasse erschreckend schwach, unten wieder gut). Ollies eigene Sicht: 2025 ist ein sehr schwieriger, aber bei den Gelungenen hochinteressanter Jahrgang – mit extrem steilem Gefälle nach unten; die kleinen Weine „fallen von der Klippe“.
Zugang, Ablauf und Atmosphäre der Primeurwoche (05:03 – 10:06)
Ollie kam über eine Cousine (Handel in Bordeaux) und den Négociant-Betrieb auf die Listen; alles selbst bezahlt und organisiert, im Bus von Château zu Château, kein Eintritt, überall frisch geöffnete Flaschen. Zehntausende durchlaufen die Woche; die Teams „gehen am Stock“ (Dauer-Galas, immer dieselben Fragen). Kontrast zu Burgund (Winzer mit Pferdemist am Stiefel) vs. Bordeaux (Anzug, Krawatte, „Versicherung/Banken/Corporate“, 200.000 statt 200 Flaschen) – aber die Leute brennen für ihren Job, hinter dem Marketing kommt echte Leidenschaft zum Vorschein.
Was 2025 so interessant macht: stilistische Trennschärfe (10:06 – 15:11)
Ollies zentrale Beobachtung: Der Jahrgang arbeitet die stilistischen Unterschiede zwischen den Châteaux (die sich selbst als „Marken“ verstehen) so sauber heraus wie nie. Calon-Ségur schmeckt wieder voll nach Calon-Ségur (nach einer Findungsphase mit ~15 % Alkohol nach dem Tod von Madame Gasqueton ist man zum klassischen Stil zurückgekehrt). Montrose ist für Ollie „ein Premier Grand Cru für ein Sechstel des Preises“, stilistisch fast schon zwischen Pauillac und Saint-Julien angesiedelt (das Gut füllt nur noch „Terrasse 4″, Calon-Ségur „Terrasse 3″ – daraus ergeben sich die Differenzen). Ollie ist bekennender Cabernet-/Bordeaux-Trinker und hat „hedonistisch“ entlang seiner Vorlieben verkostet – merlotlastige Weine teils hart abgestraft; seine Urteile also „mit einem großen Block Salz“ zu nehmen.
Kommunale Unterschiede, Markenstile & der „Wein ohne Feinde“ (15:11 – 17:51)
Die kommunalen Unterschiede (Saint-Estèphe kühler, mehr Lehm → mehr Merlot) seien heute geringer als die Unterschiede zwischen den Châteaux; entscheidend ist die aus dem Terroir folgende Rebsortenzusammensetzung plus die jeweilige Vision. Léoville Las Cases zieht seinen muskulösen Stil (viel Holz, braucht Jahre) gnadenlos durch – wer ihn mag, wird glücklich, Ollie selbst ist kein Fan. Den „Wein ohne Feinde“ sieht Ollie eher in Pichon Comtesse (Roederer-Haus): extrem mehrheitsfähig, verführerisch, Top-Niveau. Muskulöse Linie: Léoville Las Cases, Lynch-Bages, am rechten Ufer Pavie (2025 sehr gut, nicht mehr Parker-Karikatur).
Die äußeren Bedingungen 2025: ein Glücksfall (17:51 – 23:00)
2025 nur zu verstehen über 2024: kühle, nasse Blüte 2024 → die Rebe setzt 2025 weniger Frucht an. Dann Trockenheit von Anfang April bis Ende August; früh einsetzender Wasserstress auf kiesigen Terroirs stoppte den Stoffwechsel genau während des Beerenwachstums → sehr kleine, saftarme Beeren, extrem niedrige Erträge. Dilemma: mit 14 % lesen (unreif) oder bis 17 % warten. Reines Glück: zwei kräftige Regengüsse (50–60 mm) Ende August/Anfang September verdünnten perfekt reife Trauben auf 13–13,5 % (links, rechts meist deutlich unter 14,5 %), ohne Fäulnis. Problem: das verlangt parzellengenaue Lese morgens um neun – wer Personal, Material und Organisation nicht hat, wird „unreif oder überreif“. Terroirs mit unterirdischer Wasserversorgung hatten kein Problem; Lafleur (Kies, rechtes Ufer) musste bewässern, um die Reben zu retten, Cheval Blanc schnitt von fünf Trauben vier weg.
Spreu und Weizen: die Krise der kleinen Châteaux (23:00 – 28:54)
Hier trennt sich alles: Die großen (und mit großen Gütern assoziierten) Châteaux – etwa Léoville Barton mit Mauvesin Barton in Moulis – hatten Know-how und Mannschaft und holten pikfein reife, gesunde Trauben; die kleinen, unabhängigen Betriebe „fallen von der Klippe“ (viel Merlot, harsches Tannin, hohe Säure, hohle Weine – im Keller nicht zu retten). Dazu eine „unglaublich komplexe Gemengelage“ der Bordeaux-Krise: einzelne Châteaux und Négociants florieren, andere stehen vor der Pleite; fallende Weinbergspreise, fällig gestellte Kredite (Basel-Regulatorik), gescheiterte Familienübergaben an der Steuer. Unten das „Languedoc-Problem“ (zu viel schlechter Wein), in der Mitte „zu viel guter Wein“. Als Beispiel „klein, aber solide“: Lilian Ladouys (Saint-Estèphe, Lorenzetti-Gruppe), ~16 € in der Subskription – was Felix kontert: 16 € subskribiert ≈ 20 € effektiv, dafür bekomme man „im Rest der Welt“ fantastische Weine; einzig ein Chianti wäre für beide die echte Alternative.
Die Käufer-/Marktfrage (28:54 – 31:27)
Zur Verkostung kommen die alten englischen Händler (Berry Bros, Farr Vintners) – Schnitt „nördlich von 65″, die trinken aus ihrem Keller. Wachstum dagegen in jüngeren, weiblicheren Märkten: Vietnam, Nigeria, Brasilien. Offene Frage, ob der Wein dort getrunken oder nur gekauft wird (keine Keller, junge Käufer ohne Immobilien – dasselbe Problem wie bei der deutschen Jugend). Felix will die Exportstatistik prüfen. Zur Spuck-Frage: Ollie trank bei den Château-Besuchen vieles (kam „mit vier Kilo zurück“), spuckte nur auf den großen Massenverkostungen im Hangar.
Ollies Tipps & Subskriptionen nach Preisklassen (31:27 – 49:24)
Verkostet wurden ~150–200 Châteaux (nicht probiert u. a. die Weine von Moueix, der sein eigenes Négoce macht). Premier Grand Cru: kaufenswert nur Mouton und Margaux; Latour probiert und „völlig unfassbar“, aber Geduldsprobe; Haut-Brion war die große Enttäuschung aller Premiers (zu viel Merlot, ~14,5–14,7 %). Mittelklasse/Ehrgeizklasse mit Preisen (Subskription): Batailley (Pauillac, ~32–35 €, erstmals richtig groß), Haut-Bages Libéral, Clerc Milon & d’Armailhac, Duhart-Milon (schön, aber zu teuer), Talbot (idiotensicherer Saint-Julien, ~42–45 €). Gekauft hat Ollie (halbe Flaschen, zum Nachverkosten): Batailley, Haut-Bages Libéral, Langoa Barton (der einzige merlotlastige Wein außer Palmer, der ihm gefiel – er ist Léoville-Barton-Fanboy), Gruaud Larose (300-Jahr-Jubiläum, „hinterhergeworfen“ ~52–53 €, fand er besser als Léoville Barton), Calon-Ségur (~90–92 €, „wenn du’s magst, macht dich nichts anderes glücklich“; gefiel ihm besser als Cos d’Estournel, 116 €, der aber der bessere Wein sei), Montrose (nur in halben Flaschen – Premier-Niveau, aber „richtig geil in 30 Jahren“; wie „Andreas Möller – ewig Potenzial“), Grand-Puy-Lacoste, Brane-Cantenac (der günstigste kaufbare Deuxième in Margaux); nicht gekauft, aber top: Léoville Las Cases, Palmer, Pavillon Rouge, Rauzan-Ségla. Als „wahrscheinlich einziges unabhängiges Château mit richtig gutem Wein“ und Preis-Tipp: Sociando-Mallet (bester seit 1990, ~26,50 €). Crowdpleaser: Cantemerle (Haut-Médoc, ~20 €).
Pessac & rechtes Ufer (49:24 – 54:46)
Les Carmes Haut-Brion ist für Ollie 2025 der beste, aber untypischste Pessac (endlich wieder „in Bordeaux verortet“, viel Cabernet); den 22er fand er misslungen, Felix‘ 22er-Probe hatte ihn mit 89 Punkten auch nicht gefeiert. Typischster/schönster Pessac: Haut-Bailly. Enttäuschend: Haut-Brion. Rechtes Ufer: die großen Saint-Émilion auf Kalk performten sehr gut, Pomerol schwierig. Figeac (auf Kies) super, Troplong Mondot ein „Kalkmonster“ (pure Energie, rotfruchtig, „nichts für Leute, die zum Lachen in den Keller gehen“). Preistipps: Capbern (Calon-Ségur-Team, Saint-Estèphe, bester seit je, „ein paar und 20 €“) und als Merlot-Alternative zu teurem Pomerol La Dame de Montrose (82 % Merlot, Zweitwein von Montrose). Zweitweine fielen oft ab; schön: Pavillon Rouge (Margaux), Petit Cheval Blanc und Pavillon Blanc. Bei den Weißweinen winkt Ollie ab (Sauvignon-Blanc-müde): Smith Haut Lafitte Blanc, Domaine de Chevalier Blanc – „gut, wenn man’s mag“.
Verkostung Wein 1 (Dr. Heger Silvaner) & Auflösung (54:46 – 01:00:22)
Felix war völlig auf der falschen Fährte: Er erwartete Bordeaux, bekam den Wein zudem mit ~16 °C eingeschenkt und hielt ihn die ganze Zeit für einen Rotwein (viel Holz Richtung Zigarrenkiste/Tabak, „malbecig“, kräftige Säure, aber zu wenig Tiefe – der Funke sprang nicht über). Auflösung: Dr. Heger, Silvaner „Pferd Willi“ 2023, Kaiserstuhl. Spannend findet Felix, dass hier die sonst typische „gemüsig-vegetabile“ Silvaner-Fährte fehlt (keine Zwiebelschale, keine grünen Noten), stattdessen zart gelbe Frucht/Mirabelle – der einzige Silvaner, den Ollie „erträgt“. Die Temperatur war ein Versehen (Abmachung: Weißwein immer richtig temperiert); Felix probiert ihn später kühl in der Aftershow.
Hörerfrage Benjamin: Kork oder Schraubverschluss? (01:00:22 – 01:03:47)
Felix schenkt Wein 2 ein (Montrose 2001, Auflösung am Ende) und liest die Hörerfrage von Benjamin: In seiner Burgunder-/Riesling-Handlung gibt es ständig Streit, ob man Schraubverschluss schmeckt (manche beschreiben „Brausetablette/schal“), und ob die Reifung unter Schrauber den großen Weinen schadet (GGs mit über zehn Jahren wirkten „zu jugendlich, mit Zischen“). Felix hat sich „acht Jahre davor gedrückt“ und arbeitet die Frage nun mit ~30 Stunden Literaturrecherche auf.
Mythos 1: „Wein braucht Sauerstoff zum Reifen“ (01:03:47 – 01:10:13)
Die Önologie widerspricht seit Jahrzehnten. Standardwerke (Ribéreau-Gayon, „Traité d’Œnologie“; Wiley Handbook of Enology; Émile Peynaud, „Knowing and Making Wine“/„Connaissance et travail du vin“) sagen: Der in die Flasche eindringende Sauerstoff ist vernachlässigbar bis null und nicht der Motor der Reifung. Das Bukett großer Weine entsteht durch Reduktion; Flachheit (Aldehyde) ist das oxidative Phänomen. Empirisch gestützt durch den sinkenden Redox-Verlauf beim Reifen. Ursprung des Sauerstoff-Mythos ist ausgerechnet Louis Pasteur, „Études sur le vin“ (Paris 1866, im Auftrag Napoleons III.) – das Buch, in dem die Pasteurisierung erfunden wurde. Pasteurs zentrale Aussage war „c’est l’oxygène qui fait le vin“; das berühmte „Sauerstoff ist der Feind des Weins“ hat er so nie gesagt (angedichtet). Widerlegt wurde die Sauerstofftheorie von der Bordeaux-Schule (Messungen ab 1933). Jüngere Bestätigung: Hart & Kleinig 2005 (Southcorp/Penfolds) mit anaerob gereiften Weinen über sieben Jahre.
Mythos 2: Mikrooxidation & der Kategoriefehler (01:10:13 – 01:11:52)
„Mikrooxidation“ in der Flasche gibt es nicht – das ist ein Fass-Konzept (10–45 mg O₂/Jahr im Fass gegen ≤1 mg/Jahr unter Kork, Faktor bis 60). Oxidation läuft immer gleich ab; der Sauerstoff „stürzt sich auf das Erste, was er findet“. Die Idee, der Korken lasse Sauerstoff „ganz langsam, kontrolliert“ ein, sei ein Kategoriefehler (Analogie: der Besucher, der die „Universität“ hinter den Gebäuden sucht).
Was heißt „dicht“? Diffusion, Knudsen vs. Fick (01:11:52 – 01:17:19)
„Absolute Dichtheit“ gibt es nicht (Helium wandert durch meterdickes Glas); Dichtheit ist eine technische Messgröße (Leckrate unter Schwellenwert) – die „naiv-absolutistische Deutung“ („ein Molekül durch = undicht“) ist unsinnig. Jeder Korken lässt auf molekularer Ebene durch Diffusion Sauerstoff durch. Die Forschung (v. a. die Dijon-Gruppe um Chanut/Lagorce-Tachon sowie Theodoro) streitet, ob das nach Fick oder Knudsen läuft (letzteres würde unter Druck langsamer, weil die „Zickzack“-Wege länger werden) – geklärt ist das nicht, erschwert durch die Unmöglichkeit zerstörungsfreier Messung. Chanut 2021 / Theodoro 2024: Ein unbehandelter Korken lässt ~100-mal mehr Sauerstoff durch als ein klassisch behandelter (fast alles läuft an der Grenzfläche Kork/Glas vorbei).
Die Korkbehandlung: Paraffin-Silikon – und warum (01:17:19 – 01:30:00)
Jeder Korken wird außen mit einer Paraffin-Silikon-Emulsion besprüht (früher Vaseline; Emulsion ohne Lösungsmittel erst Anfang der 90er patentiert). Das Paraffin dichtet die Grenzfläche tatsächlich ab, das Silikon ist Gleitmittel – ursprünglich aufgetragen, damit sich maschinell verkorken lässt; dass es den Korken erst richtig dicht macht, war lange gar nicht bewusst. Deshalb gibt es praktisch keine unbehandelten Korken mehr. Bei Champagner-Korken ist Silikon tabu (es schädigt die Perlage). Zentrales Bild, das Felix einführt: die „Morgengabe“ – beim Eindrücken gast der zu ~60 % aus Luft bestehende, mit ~9 bar gestauchte Korken schlagartig viel Sauerstoff aus (logarithmisch: viel in 5 Tagen, abklingend über Monate), ~3 mg nach wenigen Tagen; die nächste vergleichbare Menge braucht dann 6–30 Jahre per Diffusion. Fazit (mit Lopes, Amorim-Forschungsleiter): Korken „atmen“ nicht – „keine Dusche, nur ein Konfirmanten-Rinnsal danach“. Belegt durch die Oliveira/Lopes/Pereira-Studie 2013 (Indigokarmin, 600 Flaschen, Kolorimeter): O₂-Eintrag nach 12 Monaten 0,3–4,8 mg (Faktor 16), 21 % erreichten die Messobergrenze → rechtsschiefe Verteilung, „in Wirklichkeit noch schlimmer“. Helena Pereira = „Kork-Päpstin“ („Cork: Biology, Production and Uses“); Lopes sei seriös, in Interviews aber „sehr gnädig“/biased.
Wie viel Sauerstoff braucht der Wein wirklich? (01:38:04 – 01:46:12)
Die 10- und 12-Jahres-Studien an Sauvignon Blanc (Bordeaux-Gruppen) nennen immer nur Obergrenzen des Verträglichen (~0,3 mg/Jahr), nie eine nötige Menge – weil Sauerstoff eben nicht nötig ist. Oliveira/Ferreira 2011 (Food Research International): Oxidation erzeugt Fehltöne, die in Spuren „komplex“ wirken können (Konjunktiv); das Hydroxylradikal oxidiert unselektiv „die erstbeste Spezies“ – keine gerichtete Veredelung. Der einzige wirklich nützliche sauerstoffabhängige Prozess ist die Acetaldehyd-Brückenbildung (Farbstabilisierung im Rotwein) – geschmacklich null; es gibt zudem einen anaeroben Reaktionsweg. Der Lagerböckser (H₂S/Reduktion) ist ein theoretisches Schrauber-Problem (älter als der Schrauber, tritt auch unter technischem Kork auf); Felix und von Oetinger hatten noch nie einen.
Der Schraubverschluss – und warum er das Ideal erfüllt (01:46:12 – 01:52:22)
Frühe Verschlüsse waren extrem durchlässig (nicht einmal gasdicht). Erst die Zinn-/Saran-Folie im mehrschichtigen Inlay macht ihn mit ~0,0004 mg/Jahr praktisch dicht (1 mg erst nach 1000 Jahren). Es gibt wenige Inlay-Hersteller; moderne technische Inlays erlauben eine einstellbare, sehr variationsarme Permeabilität. Spektakulär: Alcovin Active (deutsch) – Aluminiumfolie mit immobilisiertem Kupfer, das einen Böckser sogar nachträglich (nach acht Monaten) wegzieht, ohne dass Kupfer in den Wein migriert. Praxis: Achim von Oetinger und Sandra Sauer (Schrauber seit 2007, unter den Ersten mit verschraubten GGs) nutzen Zinn-Inlays, aber ausdrücklich keine sauerstoffdurchlässigen – „ich will keinen Sauerstoff im Wein“. Fazit: Genau das, was als Story pro Kork erzählt wird (langsame, kontrollierte Zufuhr; Böckser-Schutz), ist nur mit dem Schrauber zu 100 % darstellbar – „wenn man Sauerstoff zur Reifung bräuchte“, was man eben nicht tut.
Technische Korken (DIAM) & die neue Studie 2025 (01:52:22 – 01:59:18)
DIAM ist geschreddertes, gereinigtes Korkgranulat (100 % TCA-frei), mit Bienenwachs gebunden – dadurch sehr geringe Morgengabe (DIAM 10 ~0,8 mg/L) und 0,0 Diffusion. Wichtiger Hinweis: Alle Zahlen gelten für 45-mm-Korken; GGs/Bordeaux nutzen längere Korken → noch mehr Morgengabe, noch weniger später. Neue Dijon-Studie (Mai 2025): Mit standardisierten DIAM-Korken verschiedener Länge in Glasröhren zeigt sich saubere Skalierbarkeit; ab Monat 4 werden Korkphenole extrahiert, die Sauerstoff verbrauchen (passiert bei allen Korken, teils geschmacksrelevant); die längsten Varianten rutschten unter die Nachweisgrenze (dicht). Man könnte also ein perfektes „Plop“-Produkt bauen, indem man technische Korken kürzer sägt. Zum Scalping: Alle Verschlüsse nehmen Aroma auf (Kork am meisten) – der Naturkork gibt zusätzlich eigene Phenole ab, „aromatisiert“ also in beide Richtungen.
TCA, „maskierter Kork“ und Felix‘ eigene Geruchs-Anomalie (01:46 verteilt / 02:02 – 02:07)
Warum beim TCA-Ausfall „1 % vs. 10 %“ beide recht haben: Silvaner und Pinot reagieren viel stärker auf Maskierung als Riesling und Bordeaux (Beleg: bei Horst/Sandra Sauer, gleiche Korken/Anlage, trifft es fast immer den Silvaner; Anekdote mit 17 prämierten Ceratiten-Weinen und einem 2004er TBA, bei dem die zwei Tischhälften „Tag und Nacht“ unterschiedlich schmeckten). Dazu Felix‘ langjähriges Rätsel: Er nimmt bei vereinzelten Weinen (und sogar Brötchen einer bestimmten Backstube) einen chemischen Fehlton wahr, den fast niemand sonst riecht – vermutlich ein hefebürtiges Molekül. Analogie: das Androstenon (Hans Hatt) – 70 % riechen es überhaupt, davon 90 % als Urin, 10 % als „Blumenwiese“; genetisch bedingt, höchste „Pisse“-Wahrnehmung im Vorderen Orient (Eberton/Schweinefleisch-Verbot). Ein anderer Betroffener beschrieb denselben Ton als „frisch aufgepusteter Schwimmflügel“. Felix‘ Punkt zur Hörerfrage: Solche echten Einzel-Wahrnehmungen sind extrem selten – dass in einer Runde gleich mehrere „Schrauber-Nasen“ zuverlässig treffen, sei unwahrscheinlich (eher Echokammer/selektive Wahrnehmung). Sauberer Test: verdeckt „Kork/Schrauber“ auf einen Zettel schreiben, später auflösen – aber technische Korken verhalten sich ohnehin wie Schrauber.
Zubereitung, Champagner-Sonderfall & Verbreitung (02:01:04 – 02:11:19)
„Brause vs. schal“ erklärt Felix über CO₂: Restkohlensäure macht kleine Weine besser, große/gereifte flacher – je nach Wein also „Brause“ oder „schal“. Entscheidend sei die Zubereitung, nicht der Verschluss: verschraubte Weine müsse man genauso behandeln (z. B. in der Karaffe schütteln, damit CO₂ ausgast), sonst verfälsche man den Vergleich. Champagne: will einen 0,0-Korken (keine Morgengabe, kein Silikon, kein Durchlass), braucht aber den Kork fürs „Plop“/Sabrage; die gewaltige CO₂-Gegendiffusion (innen 6 bar) blockiert den Sauerstoff ohnehin, und gereifter Grundwein will gar keinen Sauerstoff. Verbreitung: Immer mehr gehen weg vom Naturkork – Friedrich Becker verschraubt seit je (Familienreserve nur verschraubt), Wittmann komplett auf DIAM 10, viele Burgunder Weißwein-Grand-Crus auf DIAM.
Fazit zur Verschlussfrage (02:11:19 – 02:15:22)
Felix‘ Dreiteilung: (1) Es ist keine Meinung, sondern eine Vorliebe – Naturkork, technischer Kork und Schrauber sind wie Röhrenverstärker, Digital und Grammophon; man darf den Kork mögen, aber „technisch überlegen“ ist er bei keinem messbaren Parameter (er verliert überall, Ausnahme evtl. Fremdstoffeintrag – wobei er Phenole einträgt). (2) Zwischen technischem Kork und Schrauber gibt Felix bewusst keine Meinung ab (er hat sie „an der Garderobe abgegeben“). (3) Er will dem Hörer nicht „mit der kleinen Doofmeinung“ die Fakten überschreiben. Seine persönliche Vorliebe: Verlässlichkeit – Hauptsache der bezahlte Wein schmeckt; fürs „Plop“ der technische Kork, praktischer der Schrauber. Offen seien noch 5–10 Jahre DIAM-Langzeitdaten; auffällig sei, dass führende Forscher gerade vom Schrauber zum technischen Kork schwenken.
Verkostung Wein 2 & Auflösung (02:15:22 – Ende)
Ollie riecht „Gereiftes aus Südwestfrankreich“, klar Bordeaux, etwas Tabak, schöner Schmelz, kräftige strukturierende Säure, gut abgeschmolzenes Tannin; Tipp ~2005, wärmeres Jahr. Felix lenkt: kühler und älter. Auflösung: Château Montrose 2001 (25 Jahre gereift, nur 12,5 % Alkohol) – „der alte Stil“, den es im neuen Bordeaux so nicht mehr gibt, und „kostet gar nicht die Welt“ im Preis (~100 €). Dazu Felix‘ Anekdote, wie er und Ollie sich vor ~15 Jahren bei einer Blaufränkisch-/Lemberger-Probe kennenlernten und Ollie ihn einst für einen zu früh geöffneten 2001er Montrose rügte – weshalb Felix die verbliebene Flasche 12 Jahre für Ollie reservierte. Zum Abschluss die „Flugkapitän Felix Bodmann“-Durchsage.
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Blindflug 190: Drei Schnitte für ein Halleluja
18.09.2026
Wir reden über die Krise des Winzerhandwerks, die Vielleichtkrise von Wiesbaden und den Zusammenhang zwischen Preisen und Qualitätsmaßnahmen. Wir trinken Chardonnay und Pinot aus Deutschland, die noch als Geheimtipps durchgehen.
Es gibt viel zu loben an den Weinen, die dieses Jahr in Wiesbaden auf dem Tisch standen. Die Veranstaltung hat trotzdem ihren Zenith überschritten. Das ist symptomatisch für eine Branche in der Dauerkrise. Wenigstens zaubert uns der Inhalt unserer schwarzen Gläser ein Lächeln auf die Lippen.
Steitz gibt Gas
Flo schenkt Felix den Chardonnay Alte Reben 2024 von Steitz aus Rheinhessen ein. Was für ein schöner Wein, was für ein Schnäppchen! Felix hat zunächst Sorgen, aber alles, was ihn beunruhigt, verzieht sich, sobald der sehr kalt eingeschenkte Wein die richtige Temperatur erreicht. Feinheit, vielschichtiges Holz – der Wein vermittelt eine Idee und der junge Winzer hat sie fast perfekt auf die Flasche gebracht. Den Mann sollte man im Auge behalten.
Ein Großer aus Bürgstadt
Felix hat den aktuellen Sieger-Rotwein von Best of Franken im Gepäck. Der Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022 vom Weingut Josef Walter ist auch in der Qualitätspyramide dieses Nicht-VDPisten mit einer Ersten Lage gleichzusetzen. Und dafür (und für den schmalen Preis) ist der Wein eine Sensation. Die Aromatik ist nicht 100 Prozent typisch mit einer Johannisbeerfrucht und Seeluft in der Nase, aber immer noch so nah am Ideal, dass Flo den Wein als Spätburgunder erkennt. Das macht irre viel Spaß und sei von Herzen empfohlen.
Viel Spaß bei einer neuen Episode unseres Podcasts.
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Wein 1 wird eingeschenkt & Wetter/Jahrgang 2025 (00:55 – 09:09)
Nach dem Würfeln bekommt Felix von Flo blind einen Wein: Chardonnay „Alte Reben“ 2024 vom Weingut Steitz aus Rheinhessen (Steinbockenheim, bei Siefersheim). Daran hängt ein langes Gespräch über den extremen Hitzesommer 2025: Der meteorologische Sommer war deutschlandweit der zweitwärmste nach 2003 (in Berlin selbst eher durchwachsen). In der Pfalz „40 Tage am Stück über 30 Grad“ wie 2003; Flo konnte dort nur um 5 Uhr morgens Rad fahren. In Franken (Steigerwald, bei Castell) sah es aus wie in der Toskana – alles außer den Reben vertrocknet, samt Sorge um Tiere. In Frankreich noch krasser: Die Hospices de Beaune lasen ihren Meursault Premier Cru schon am 18. August (dunkelgelber Most, drohende ~15 % Alkohol, aber noch grüne Rappen); Benoît Ente war bei den weißen Sorten schon um den 12. August fertig. Kernfrage: „Nichts ersetzt Hängezeit“ – was bedeutet das für Turbosommer? In der Champagne wird es wegen zu alkoholreicher Basisweine eine Rekordmenge an Coteaux Champenois (Stillweine) geben. Fachliche Überlegung: In so einem Hitzejahr könnten sich die Reifezeitpunkte der Rebsorten stark angenähert haben; beim Riesling (Aromabildung v. a. nach der Weichwerdung) wirkt sich die Verkürzung anders aus als bei anderen Sorten. Man werde erst in einigen Jahren sehen, ob die aromatische Substanz die Struktur puffert.
Exkurs: Der Winzer-Nachwuchs bricht ein (09:09 – 18:32)
Flo hat in einem Biergarten in Berlin-Friedenau (Südgelände) einen frisch ausgelernten Winzer getroffen, der die Lehre parallel zu einer American-Football-Karriere gemacht hat und nun Winzer werden will. Das führt zu alarmierenden Zahlen: 2024 legten nur 228 Gesellen-/Meisterprüfungen ab, 2025 begannen nur 210 die Winzerausbildung in ganz Deutschland – gegenüber ~1.000 vor zehn Jahren, also ein Einbruch um rund 75–80 % (Geisenheim-Studienzahlen sind mit ~160–170 Anfängern stabiler, aber nicht vergleichbar). Das schafft massive Probleme: Mittelbetriebe finden kaum noch Leute, die z. B. Schlepper fahren, konkurrieren mit den großen Gütern um die wenigen Kräfte, und Familien müssen 50 % mehr arbeiten. Felix vermutet ein kommendes Handwerks-Revival, gerade weil KI viele Studienberufe stärker treffe als handwerkliche (eine KI fahre keinen Schlepper; Roboter in der Steillage seien zu teuer und kaum genehmigungsfähig). Flo bringt einen politischen Haken: Angesichts der aktuellen Lage sei es fraglich, ob man ausländische Auszubildende gut für den ländlichen Raum gewinnen könne, wo sie teils nicht willkommen seien – dabei sei Winzer ein tolles, weltoffenes Berufsbild. Felix ergänzt, dass moderne Weingüter zunehmend im Team arbeiten und Aufgaben sinnvoll aufteilen (Kaufmann/Keller/Außenbetrieb), oft ohne Erbteilung in Harmonie geführt.
Verkostung Wein 1 (Steitz) & Auflösung (18:32 – 24:04)
Felix‘ „Reise“: zunächst flach, mit einem vermeintlichen Cremetörtchen-Ton (den er als BSA-Verdacht deutet und hasst) – der sich beim Erwärmen komplett auflöst. Er stellt ausdrücklich fest: null BSA-Spuren, absolut sauber. Mit Luft wird der Wein immer nobler: leicht rauchige Holz- und Würzaromatik, feine Vanille, reifer Apfel/Birne, unaufdringlich (nicht so „poliert“ wie das meiste, was er zuletzt im Glas hatte), hinten eine feine, leicht pfeffrige, schmirgelnde Note, lebendige Säure. Tipp: Weißburgunder, warme Region (Baden), Jahrgang 2024, evtl. zwei Jahre im Holz. Auflösung: Chardonnayvom Weingut Steitz (Steinbockenheim/Rheinhessen, unter Siefersheim) – „Alte Reben“ für 17 Euro, gemacht vom Junior, der das Gut seit drei Jahren im Betrieb hat. Felix ordnet ihn einordnungstechnisch „zwischen Baum und Borke“ ein (Kategorie 1 vom Preis, aber als Kategorie 2 gemeint) – kein Makel, sondern typisch für Weine im Grenzbereich der Qualitätsstufen. Beide finden ihn für 17 Euro sehr gelungen.
Wein 2 wird eingeschenkt & neue Podcast-Idee: Speisenempfehlung (24:04 – 27:13)
Blind: Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022, Weingut Josef Walter (Franken). Aus der (noch laufenden) Hörer-Umfrage stammt die Anregung, künftig zu jedem Wein eine Speisenempfehlung zu geben – eine kleine Änderung, die vielen gefallen dürfte (Desinteressierte können 30 Sekunden vorspulen). Zum Steitz-Chardonnay überlegen beide: Felix hält ihn für zu würzig/pfeffrig für klassische Forelle und zu wenig fleischig fürs Wiener Schnitzel; er passe eher zu einer deftigen Brotzeit (inkl. Leberwurst) oder zu gegrilltem Fisch (Dorade mit Thymian, Ofenkartoffeln). Flo hatte ihn zu gefüllter Zucchini (Kartoffel, Chili, Zwiebel, Knoblauch, Tomate, überbackener Schafskäse) – auch etwas Asiatisches könnte passen.
Wiesbaden (GG-Vorpremiere): „Die Luft ist raus“ (27:13 – 34:30)
Felix‘ kritischer Rückblick auf die diesjährige VDP-GG-Vorpremiere in Wiesbaden: 83 Weine weniger, ~25 Güter ausgestiegen, kaum Neuzugänge – am Ende nur 110 von rund 190 GG-fähigen Betrieben. Gründe waren unterschiedlich: Paul Weltner blieb aus Protest weg (der Sonntag, an dem außer Riesling alles verkostet wurde, wurde abgeschafft – seitdem gibt es an jedem Tag Riesling, was Grauburgunder, Lemberger, Silvaner benachteiligt und die Franken schwächt). Uli Allendorf nannte den ökonomischen Grund: Es kämen mehr volle Flaschen zurück als hingeschickt. Felix rechnet die Kosten vor – ~1.000 Euro Sockelbetrag pro Betrieb (25 fehlende Güter = 25.000 Euro Budgetloch), plus ~100–150 Euro pro Wein; effektiv probierten am Ende teils nur ~40 Leute einen Wein. Besonders getroffen: der Rheingau (Kloster Eberbach, Künstler u. a. blieben weg). Zwei Betriebe kehrten nach ein, zwei Jahren Pause zurück: Prinz und – als Verkaufskandidat, bei dem ein Wiedereinstieg vor einem Verkauf sinnvoll ist – das Weingut Kaufmann. Bedenklich findet Felix den raueren Ton in der Kommunikation (Instagram) bis hin zur Häme – „da stecken Menschen und Arbeit dahinter“. Er selbst schreibe in seiner Arbeitsmappe zwar auch emotional und mal hart („brutal banal“), gebe das aber nur an ~200 Steady-Mitglieder mit der Bitte weiter, es nicht zu teilen, weil einzelne Bemerkungen so nicht für die Öffentlichkeit gedacht seien.
Warum ganze Regionen „durchgereicht“ werden (34:30 – 41:07)
Felix‘ These: Die großen Rheingau-Güter (Leitz, Spreitzer, Allendorf, Weil, Künstler, Kloster Eberbach) betreiben Sortimentsplanung „wie Nestlé Produktmanagement“ und werden dafür abgestraft. Dabei toben sie sich bei den GGs aus – aber diese GGs verkaufen sich anders (Beispiel: fünf Jahre alte Hasensprung-GGs am Eltviller Rheinanleger von Allendorf, die keiner kauft; die Leute wollen eher halbtrockene Weine). Wer als Kritiker einen spontanvergorenen Wein als „riecht nach Reinzuchthefe“ verreißt, disqualifiziere sich fachlich (Reinzuchthefe kann man nicht riechen) – und lade Betriebe geradezu ein, wegzubleiben. Zudem verändere sich Wiesbaden: selbst um klassische „Rebellen“ würde es stiller – erstaunlich abgemeldet sei Peter Jakob Kühn, einst der „Säulenheilige“ des deutschen Nonkonformismus (früher Biodynamiker im VDP, erster Amphorenwein ~2005), der einst „der erste Ziereisen Deutschlands“ war. Auch Schäfer-Fröhlich und die Nahe insgesamt würden zunehmend „gebasht“, obwohl die Nahe für Felix ein Boutique-Gebiet mit höchster Spitzendichte (und ohne Genossenschaft) bleibt.
Jahrgang 2025 & Wiesbaden-Fazit (41:07 – 44:52)
Felix findet 2025 eigentlich ein ziemlich gutes Jahr, die Stimmen dazu waren aber nur mittelmäßig. Er überlegt, seinem Fazit doch noch den Merksatz nachzutragen, dass sich ein Riesling-Jahrgang erst im übernächsten Jahr beurteilen lässt: Im ersten Jahr nach der Füllung entscheidet sich, ob die Weine „üppig und pummelig“ werden oder tight bleiben. Positives Extrembeispiel war 2016 (schmeckte 2018 wie 2017), negatives 2015 („hat sich ein Jahr auf die Couch geflätzt und Chips gefressen“) – Letzteres bleibt für beide schwierig. Der Rheingau und die Nahe „kriegen auf die Mütze“, und es fehle an alternativen Reizen; ausgerechnet in diesem Jahrgang fand Felix Bürklin-Wolf nicht so überragend, wie es gerade alle feiern. Kurz gestreift: der neue Wachenheimer Versteigerungswein von Bürklin-Wolf (toll, aber preislich schwer einzuschätzen – ein Premier Cru, der bei 350–500 Euro landen könnte).
Weingut Kranz & die große Preis-Kalkulation (44:52 – 56:26)
Im Rahmenprogramm probierte Felix im Weingut Kranz (Ilbesheim) die Lage Kleine Kalmit – eine kleine Premiere: den 2025er flüssig im Glas, den 2026er als erntereife Traube in der Hand. Boris Kranz erklärte, dass sie beim Weißburgunder nun Traubenteilung plus Schulterschnitt machen (sehr aufwendig, eigentlich nur bei besten Spätburgundern üblich). Das nutzt Felix als Aufhänger für eine ausführliche Vollkosten-Rechnung (Vorschau auf die versprochene Preis-Folge vor Weihnachten): Die drei Schnitte kosten grob 1 Euro Arbeitslohn pro Flasche, was mit allen Rabatten und Mehrwertsteuer ~3 Euro Endverkaufspreis nötig macht – daher stieg das GG zuletzt jedes Jahr um 3 Euro (aktuell ~46 Euro). Rückblick: Das 2013er GG (letzter konventioneller, ertragreicher Jahrgang, 50 hl/ha) kostete 23 Euro. Seitdem: 100 % Preisaufschlag, aber ~40 % weniger Ertrag (nur noch 30 hl/ha), verdoppelte Arbeits- und Trockenmaterialkosten (Flasche, Etikett, Verschluss). Fazit: Mit dem alten 23-Euro-GG verdiente Kranz mehr; um den gleichen Deckungsbeitrag zu halten, müsste der Wein eigentlich ~55–70 Euro kosten (bei 80 % Export sogar ~80). Kernbotschaft: „Das schlechteste Argument für oder gegen aktuelle Preise sind frühere Preise.“ Je mehr Kranz die Qualität auf die Spitze treibt, desto weniger verdient er am GG – weshalb es den beliebten Landschneckenkalk (ein Preis-Genuss-Wunder) inzwischen nicht mehr gibt.
Kurzer Preis-Vergleich Baden & das Blind-Dilemma (56:26 – 01:00:04)
Übergang, weil das Kranz-GG (2024er) der Blindflug-Wein ist – auch der 2025er sei stark. Felix schildert, wie schwer Preis-Leistungs-Aussagen in Wiesbaden sind, weil ihm bei den meisten Weinen das Hintergrundwissen fehlt: Beim Bienenberg von Huber (95 Euro, Hubers kleinstes GG) werde so getan, als blase er alles weg – dabei koste Kellers Achkarrer Schlossberg ebenfalls 95 Euro und sei dort das größte GG. Blind-Verkostung kann Vorurteile auch umkehren: Im Pettenthal-Flight (Roter Hang, Rheinhessen) galt der Rappenhof vorab als „fast so gut wie die anderen beiden“ – Felix fand dann blind alle drei sehr gut, aber Gunderloch (er ist Pettenthal-Fan) am attraktivsten, und erkannte Kühling-Gillot nicht sofort. Er versteht, dass Erzeuger wie Groebe aussteigen, wenn sie ständig hören, sie könnten „fast mithalten“ – zumal am Roten Hang nach dem Ausstieg von St. Antony bald nur noch Gunderloch und Kühling-Gillot GGs anstellen; Wittmann macht dort nur Ortswein. Wenn nur noch die Export-Zwänge-Betriebe anstellen, werde die Veranstaltung langweilig.
Verkostung Wein 2 (Josef Walter) & Auflösung (01:00:04 – 01:05:03)
Flo beschreibt einen schönen, gereiften Rotwein: jodig, zigarrenkistig, teerig, wenig Frucht (etwas Johannisbeere am Gaumen, nicht in der Nase), sehr elegant, kein Kraftmeier, würzige Ebene. Felix betont, dass Jod hier positiv (Seeluft/Salzbrise, nicht medizinal), Zigarrenkiste und Teer für Nebbiolo-Freunde attraktiv sind. Flo tippt erst Nebbiolo, dann Pinot, Jahrgang ~2016. Auflösung: Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022, Weingut Josef Walter (Franken), 13 % Alkohol, ~25 Euro – gerade Sieger bei „Best of Franken“. Josef Walter ist der Cousin von Paul Fürst; das Gut (nicht im VDP) staffelt ähnlich: Bürgstadter Berg (~25 €), Centgrafenberg (~30 €), eine Filet-Parzelle „Hunsrück“ (~50 €) und ein 300-Flaschen-Wein (~80 €). Für Felix eine „Sensation“ für eine faktische Erste Lage; klare Merk-Empfehlung. Speisen: Felix zu allen Pinots etwas Fettes (Rib-Eye, Chuck-Eye) oder deftig fränkisch (Bratwurst mit Sauerkraut, brauner Soße, Klößen); Flo eher iberisch (Chorizo, Bratpaprika, Couscous).
Outro (01:05:10 – Ende)
Die gewohnte „Flugkapitän Felix Bodmann“-Durchsage zum Abschied.
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