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Veröffentlichungshistorie

Episodenübersicht

Ruprecht Polenz plädiert für die Wahrheitsfindung in der unübersichtlichen Medienlandschaft

27.10.2026
Ruprecht Polenz hat offenkundig genug: von der im Wortsinne ahnungslosen Erregung, mit der in den sogenannten sozialen Medien über Politik schwadroniert wird. Denn hier sieht er das Einfallstor für eine neue Form politischer Gleichgültigkeit: eine Form, in der die Menschen sogar wüssten, dass sie von manchen Politikern belogen werden – es sei ihnen aber dennoch egal, solange sie sich weiter verbal austoben können.  Aufklärung für das 21. Jahrhundert  Das Gegenmittel ist jahrhundertealt: es sind die Gedanken der Aufklärung, angewandt auf das Deutschland des 21. Jahrhunderts. Polenz schreibt:  „Es gibt nur die mühsame, aber unverzichtbare Arbeit an den Bedingungen von Vernunft: Bildung, Medienkompetenz, unabhängige Wissenschaft, pluraler Journalismus, faire digitale Räume, politische Verantwortung. Und es gibt die Verantwortung jedes Einzelnen.“    Nach einem ausführlichen Problemaufriss wartet das Buch mit praxisnahen Vorschlägen auf. Der Autor warnt besonders vor dem sogenannten Bestätigungsfehler: dass der Mensch nämlich von jeher besonders empfänglich ist für diejenigen Informationen, die seine vorhandene Überzeugung stützen. Also rät Polenz, den Verstand einzuschalten: Suchen Sie aktiv nach Gegenargumenten für Ihre Überzeugung. Seien Sie sich bewusst, dass starke Emotionen wie Angst oder Wut den Bestätigungsfehler verstärken. Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können Allerdings: Arbeit allein auf der Ebene des Individuums genüge nicht. Polenz plädiert dafür, dem digitalen Stammtisch mit seiner ressentimentgeladenen Halbbildung eine neue, eine institutionalisierte mediale Sphäre entgegenzusetzen:  Der Staat sollte dringend öffentliche Gegenrede-Strukturen schaffen, in Partnerschaft mit der Zivilgesellschaft. Diese müssen transparent und plural besetzt sein. Sie müssen rein faktenbasiert arbeiten. Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können Für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk  Hier blitzen Parallelen auf: zum öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem. Und folgerichtig hält Polenz dieses System, von ihm ÖRR genannt, für einen unverzichtbaren Pfeiler der freiheitlichen Demokratie. Auch wenn das Geld kostet. Denn:  Der verpflichtende Rundfunkbeitrag aller Haushalte sichert nicht nur die Rundfunkfreiheit gegenüber dem Staat oder Kapitalinteressen, sondern bietet auch eine solide Basis für Qualitätsjournalismus. Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können Es macht Mut, dass ein solches Plädoyer heute von christdemokratischer Seite kommt. Denn vor Jahrzehnten war es gerade die CDU, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk politisch bekämpfte und ihn gefügig machen wollte: mit der unverblümten Drohung, anderenfalls einer privat-kommerziellen Konkurrenz den Weg zu ebnen. So formulierte es der CDU-Medienreferent Wolfgang Fischer 1978, und so ist es später unter der Kohl-Regierung Realität geworden. Von diesem Denken hat sich Polenz deutlich entfernt. Er setzt darauf, den Menschen fundierte Information an die Hand zu geben, damit sie beitragen können zu einem – wie er es nennt – liberalen System der Wahrheitsfindung.  Seine Stärke liegt gerade darin, dass es Irrtum zulässt, Kritik ermöglicht und Korrektur einbaut. Wer dieses System schwächt, schwächt die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu verstehen. Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können Medienerziehung so wichtig wie nie  Ruprecht Polenz trifft ins Schwarze: mit beiden Teilen seines lesenswerten Buches. Freilich: Was seine Diagnose sagt, das versteht sich für Leser, die ihren Verstand nutzen, von selbst. Im Detail hätte Polenz etwas weiter ausholen können: indem er etwa die von ihm scharf kritisierte Politik der USA nicht nur ihrem Präsidenten und seiner Regierung angelastet hätte, sondern auch die jahrzehntelange destruktive Vorarbeit der Republikanischen Partei skizziert hätte: Ruprecht Polenz’ Therapie wiederum umfasst überwiegend Denkschritte der Medienerziehung, die zumindest vor einer Weile noch zum Einmaleins des Mittelstufen-Deutschunterrichts gehört haben. Dass man indes 2026 für sie so engagiert plädieren muss, wirft auf die politische Mündigkeit der deutschen Gesellschaft ein denkbar trübes Licht.
Ruprecht Polenz hat offenkundig genug: von der im Wortsinne ahnungslosen Erregung, mit der in den sogenannten sozialen Medien über Politik schwadroniert wird. Denn hier sieht er das Einfallstor für eine neue Form politischer Gleichgültigkeit: eine Form, in der die Menschen sogar wüssten, dass sie von manchen Politikern belogen werden – es sei ihnen aber dennoch egal, solange sie sich weiter verbal austoben können. 

Aufklärung für das 21. Jahrhundert 

Das Gegenmittel ist jahrhundertealt: es sind die Gedanken der Aufklärung, angewandt auf das Deutschland des 21. Jahrhunderts. Polenz schreibt:  „Es gibt nur die mühsame, aber unverzichtbare Arbeit an den Bedingungen von Vernunft: Bildung, Medienkompetenz, unabhängige Wissenschaft, pluraler Journalismus, faire digitale Räume, politische Verantwortung. Und es gibt die Verantwortung jedes Einzelnen.“    Nach einem ausführlichen Problemaufriss wartet das Buch mit praxisnahen Vorschlägen auf. Der Autor warnt besonders vor dem sogenannten Bestätigungsfehler: dass der Mensch nämlich von jeher besonders empfänglich ist für diejenigen Informationen, die seine vorhandene Überzeugung stützen. Also rät Polenz, den Verstand einzuschalten:
Suchen Sie aktiv nach Gegenargumenten für Ihre Überzeugung. Seien Sie sich bewusst, dass starke Emotionen wie Angst oder Wut den Bestätigungsfehler verstärken.

Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können

Allerdings: Arbeit allein auf der Ebene des Individuums genüge nicht. Polenz plädiert dafür, dem digitalen Stammtisch mit seiner ressentimentgeladenen Halbbildung eine neue, eine institutionalisierte mediale Sphäre entgegenzusetzen: 
Der Staat sollte dringend öffentliche Gegenrede-Strukturen schaffen, in Partnerschaft mit der Zivilgesellschaft. Diese müssen transparent und plural besetzt sein. Sie müssen rein faktenbasiert arbeiten.

Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können

Für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk 

Hier blitzen Parallelen auf: zum öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem. Und folgerichtig hält Polenz dieses System, von ihm ÖRR genannt, für einen unverzichtbaren Pfeiler der freiheitlichen Demokratie. Auch wenn das Geld kostet. Denn: 
Der verpflichtende Rundfunkbeitrag aller Haushalte sichert nicht nur die Rundfunkfreiheit gegenüber dem Staat oder Kapitalinteressen, sondern bietet auch eine solide Basis für Qualitätsjournalismus.

Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können

Es macht Mut, dass ein solches Plädoyer heute von christdemokratischer Seite kommt. Denn vor Jahrzehnten war es gerade die CDU, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk politisch bekämpfte und ihn gefügig machen wollte: mit der unverblümten Drohung, anderenfalls einer privat-kommerziellen Konkurrenz den Weg zu ebnen. So formulierte es der CDU-Medienreferent Wolfgang Fischer 1978, und so ist es später unter der Kohl-Regierung Realität geworden. Von diesem Denken hat sich Polenz deutlich entfernt. Er setzt darauf, den Menschen fundierte Information an die Hand zu geben, damit sie beitragen können zu einem – wie er es nennt – liberalen System der Wahrheitsfindung. 
Seine Stärke liegt gerade darin, dass es Irrtum zulässt, Kritik ermöglicht und Korrektur einbaut. Wer dieses System schwächt, schwächt die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu verstehen.

Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können

Medienerziehung so wichtig wie nie 

Ruprecht Polenz trifft ins Schwarze: mit beiden Teilen seines lesenswerten Buches. Freilich: Was seine Diagnose sagt, das versteht sich für Leser, die ihren Verstand nutzen, von selbst. Im Detail hätte Polenz etwas weiter ausholen können: indem er etwa die von ihm scharf kritisierte Politik der USA nicht nur ihrem Präsidenten und seiner Regierung angelastet hätte, sondern auch die jahrzehntelange destruktive Vorarbeit der Republikanischen Partei skizziert hätte: Ruprecht Polenz’ Therapie wiederum umfasst überwiegend Denkschritte der Medienerziehung, die zumindest vor einer Weile noch zum Einmaleins des Mittelstufen-Deutschunterrichts gehört haben. Dass man indes 2026 für sie so engagiert plädieren muss, wirft auf die politische Mündigkeit der deutschen Gesellschaft ein denkbar trübes Licht.

Psychoanalyse eines Preppers: Julia von Lucadous „Zeiten erhöhter Gefahr“

26.10.2026
Julia von Lucadous neuer Roman beginnt wie ein Krimi, nämlich mit einem Leichenfund. Nur dass es um diese Leiche bald schon gar nicht mehr geht, sondern um den, der sie gefunden hat. Lucadous Hauptfigur heißt Jot und ist ein von Krisenängsten gebeutelter Mittfünfziger und Prepper. In einem Steinbruch stolpert er über besagte Leiche, für ihn offensichtlich das Opfer eines Sexualverbrechens. Dass dieser Steinbruch der Autorin als Metapher für vergangene Lebensphasen und vergessene Erlebnisse dient, wird erst am Ende klar. Merkwürdig wird es bereits, als Jot die Polizei über seinen Fund informiert. Denn für die Ermittler ist der Fall rasch abgeschlossen. Genau genommen gebe gar keinen Fall. Der Tote sei zweifelsfrei ein Selbstmörder, erklärt der junge Polizeibeamte Tage später.  Kontrollverlust des Protagonisten „Jot musterte das Milchbubengesicht des Mannes. Er sei ja, wie er wisse, kein Angehöriger, entgegnete er. Er sei als Zeuge hier, um der Polizei eine Panne zu ersparen. Man müsse nicht Polizist sein, um zu verstehen, dass sich niemand freiwillig in einer solchen Körperstellung das Leben nehme. Mit heruntergezogener Hose“, erklärt sich der Protagonist.   „Wovon sprechen Sie?“  Der Polizist wirkte sichtbar verwirrt. Der Tote sei körperlich unversehrt gewesen. Und vollständig bekleidet. Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr Es dauert eine Weile, bis Lucadous Protagonist begreift, dass mit seiner Erinnerung etwas nicht stimmt. Der Anblick der Leiche hat etwas in ihm ausgelöst, seitdem kann er seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen. Das wäre für jeden ein Schock, umso mehr für einen um Kontrolle und Risikovorsorge bemühten Verstandesmenschen wie Jot. In der Schweiz arbeitet er für ein Sicherheitsunternehmen, das Bunker an Superreiche verkauft. Zuhause hat Jot seinen privaten Sicherheitsraum, jetzt wird er dem Albtraumgeplagten zum nächtlichen Zufluchtsort.  Opfer unterdrückter Erinnerungen  Während Jots Leben, auch beruflich, immer mehr aus den Fugen gerät, erhofft er sich Antworten aus dem Abschiedsbrief des Toten aus dem Steinbruch. Darin geht es um anhaltende Scham- und Schuldgefühle und um Kafkas „Process“-Roman. Doch der vermeintliche Schlüssel erweist sich ebenso rasch als Sackgasse wie die Studien einer amerikanischen Psychologin über das Phänomen gefälschter Erinnerungen. Mit allen Mitteln versucht Jot, den Kontakt zu dieser Forscherin herzustellen, etwa über seine Tochter, die in den USA Psychologie studiert. Doch erkennt Martha rasch, dass ihr Vater nicht an gefälschten Erinnerungen leidet als vielmehr an unterdrückten, nämlich aus seiner Kindheit in einem Internat. Und diese Erinnerungen versuchen jetzt, wie in einer Fallgeschichte Sigmund Freuds, an die Oberfläche zu kommen, selbst im Telefonat mit seiner Tochter.  „Eine Figur allein auf dem Gang zum Toilettentrakt, im Dunkeln. Callas auf dem Gang, allein, mitten in der Nacht. Sein Rücken zuckt. Dazu ein Ton, ein Wimmern oder Winseln wie ein Tier.“  „Ich hatte immer solche Mühe, dich zu verstehen“, sagte die Stimme seiner Tochter, „aber wenn ich deine Protokolle lese, sind mir deine Gefühle und dein Verhalten plötzlich klar.“  Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr Ist die wahre Katastrophe längst passiert?  Kafka und Freud: Die Namen verweisen auf die Literatur nach 1900, in der immer wieder Zwangscharaktere die Kontrolle über ihr Leben verlieren. In „Zeiten erhöhter Gefahr“ verknüpft die 44-jährige Autorin tradierte Motive mit aktuellen Themen wie die um sich greifende Katastrophenangst und Prepperhysterie. Aber am Ende auch mit einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Die wahre Katastrophe, so die Botschaft des routiniert erzählten Romans, ist längst passiert; heutige Ängste haben ihre Quellen in der Kindheit. Das freilich ist leider eine allzu simple Antwort auf eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät. Und in der sich längst nicht nur Superreiche und Missbrauchsopfer nach einer sicheren Zuflucht sehnen.
Julia von Lucadous neuer Roman beginnt wie ein Krimi, nämlich mit einem Leichenfund. Nur dass es um diese Leiche bald schon gar nicht mehr geht, sondern um den, der sie gefunden hat. Lucadous Hauptfigur heißt Jot und ist ein von Krisenängsten gebeutelter Mittfünfziger und Prepper. In einem Steinbruch stolpert er über besagte Leiche, für ihn offensichtlich das Opfer eines Sexualverbrechens. Dass dieser Steinbruch der Autorin als Metapher für vergangene Lebensphasen und vergessene Erlebnisse dient, wird erst am Ende klar. Merkwürdig wird es bereits, als Jot die Polizei über seinen Fund informiert. Denn für die Ermittler ist der Fall rasch abgeschlossen. Genau genommen gebe gar keinen Fall. Der Tote sei zweifelsfrei ein Selbstmörder, erklärt der junge Polizeibeamte Tage später. 

Kontrollverlust des Protagonisten

„Jot musterte das Milchbubengesicht des Mannes. Er sei ja, wie er wisse, kein Angehöriger, entgegnete er. Er sei als Zeuge hier, um der Polizei eine Panne zu ersparen. Man müsse nicht Polizist sein, um zu verstehen, dass sich niemand freiwillig in einer solchen Körperstellung das Leben nehme. Mit heruntergezogener Hose“, erklärt sich der Protagonist.  
„Wovon sprechen Sie?“  Der Polizist wirkte sichtbar verwirrt. Der Tote sei körperlich unversehrt gewesen. Und vollständig bekleidet.

Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr

Es dauert eine Weile, bis Lucadous Protagonist begreift, dass mit seiner Erinnerung etwas nicht stimmt. Der Anblick der Leiche hat etwas in ihm ausgelöst, seitdem kann er seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen. Das wäre für jeden ein Schock, umso mehr für einen um Kontrolle und Risikovorsorge bemühten Verstandesmenschen wie Jot. In der Schweiz arbeitet er für ein Sicherheitsunternehmen, das Bunker an Superreiche verkauft. Zuhause hat Jot seinen privaten Sicherheitsraum, jetzt wird er dem Albtraumgeplagten zum nächtlichen Zufluchtsort. 

Opfer unterdrückter Erinnerungen 

Während Jots Leben, auch beruflich, immer mehr aus den Fugen gerät, erhofft er sich Antworten aus dem Abschiedsbrief des Toten aus dem Steinbruch. Darin geht es um anhaltende Scham- und Schuldgefühle und um Kafkas „Process“-Roman. Doch der vermeintliche Schlüssel erweist sich ebenso rasch als Sackgasse wie die Studien einer amerikanischen Psychologin über das Phänomen gefälschter Erinnerungen. Mit allen Mitteln versucht Jot, den Kontakt zu dieser Forscherin herzustellen, etwa über seine Tochter, die in den USA Psychologie studiert. Doch erkennt Martha rasch, dass ihr Vater nicht an gefälschten Erinnerungen leidet als vielmehr an unterdrückten, nämlich aus seiner Kindheit in einem Internat. Und diese Erinnerungen versuchen jetzt, wie in einer Fallgeschichte Sigmund Freuds, an die Oberfläche zu kommen, selbst im Telefonat mit seiner Tochter.  „Eine Figur allein auf dem Gang zum Toilettentrakt, im Dunkeln. Callas auf dem Gang, allein, mitten in der Nacht. Sein Rücken zuckt. Dazu ein Ton, ein Wimmern oder Winseln wie ein Tier.“ 
„Ich hatte immer solche Mühe, dich zu verstehen“, sagte die Stimme seiner Tochter, „aber wenn ich deine Protokolle lese, sind mir deine Gefühle und dein Verhalten plötzlich klar.“ 

Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr

Ist die wahre Katastrophe längst passiert? 

Kafka und Freud: Die Namen verweisen auf die Literatur nach 1900, in der immer wieder Zwangscharaktere die Kontrolle über ihr Leben verlieren. In „Zeiten erhöhter Gefahr“ verknüpft die 44-jährige Autorin tradierte Motive mit aktuellen Themen wie die um sich greifende Katastrophenangst und Prepperhysterie. Aber am Ende auch mit einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Die wahre Katastrophe, so die Botschaft des routiniert erzählten Romans, ist längst passiert; heutige Ängste haben ihre Quellen in der Kindheit. Das freilich ist leider eine allzu simple Antwort auf eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät. Und in der sich längst nicht nur Superreiche und Missbrauchsopfer nach einer sicheren Zuflucht sehnen.

Der fatale Wunsch nach Übersichtlichkeit: Jens Balzers „Confusion Is Next“

25.10.2026
Unsere Gegenwart ist immer das Resultat von Ereignissen, Entscheidungen, Erschütterungen vorausgegangener Jahrzehnte. Jens Balzers fortlaufende Kultur- und Mentalitätsgeschichte unserer Zeit begann deshalb schon mit den „entfesselten“ 1970ern, führte über die „pulsierenden“ 80er und die freiheitstrunkenen 90er nun mit dem vierten Band in ein „Jahrzehnt des Umbruchs“: die Nullerjahre. Immer näher rückt er damit unserer unmittelbaren Gegenwart, immer deutlicher erkennbar werden die Weichenstellungen, die uns in eine krisenhafte Jetztzeit geführt haben. Tatsächlich manifestiert sich in den 2000er Jahren ein Wandel, der die Welt durchschüttelt und auf den Kopf stellt. Die Nullerjahre beginnen nicht mit dem befürchteten und dann doch nicht eingetretenen Kollaps der Informationssysteme zum Jahrtausendwechsel, sondern gut anderthalb Jahre später mit dem Einsturz des World-Trade-Centers:  „Die Anschläge des 11. September 2001 gelten auch dieser Idee einer kulturellen Hybridität; sie gelten der Idee, dass die Globalisierung etwas Positives, etwas Fortschrittliches ist; sie wollen eine Rückkehr zu überkommenen Identitäten, zu überkommenen Freund-Feind-Linien herbeibomben.“  Etwas Neues entsteht  Der 11. September ist ein eindrückliches Fanal – und ein Symbol für die Konflikte, mit denen wir es bis heute zu tun haben. Aber auch auf der Mikroebene häufen sich in den Nullerjahren die Zeichen, dass etwas Neues und Bedrohliches im Entstehen begriffen ist. Es wird über „Leitkultur“ gestritten und darüber, was deutsch ist; im breitenwirksamen Gangsta-Rap und im Rechtsrock werden eigentlich längst obsolete Männlichkeits-Bilder aufgerufen, gepaart mit Sexismus, Homophobie und Antisemitismus – unvorstellbare sprachliche Entgleisungen, die in den Zehnerjahren von rechtspopulistischen Bewegungen weiter in den Mainstream getragen werden. Durch Laptops, die Weiterentwicklung von Mobiltelefonen bis hin zum iPhone verwischen die Grenzen zwischen privat und öffentlich, Freizeit und Arbeit. Der Hipster der Nullerjahre ist das, was die Soziologie als „flexiblen Menschen“ oder „digitalen Nomaden“ bezeichnet. Die Individualisierung ist auf dem Vormarsch, ganz entgegen der Versprechungen, die aufkommende soziale Netzwerke wie Facebook in die Welt setzen. Und weil jeder sein eigenes Ego-Unternehmen ist, gewinnen Methoden der Selbstoptimierung an Bedeutung. In manchen Milieus, sprichwörtlich im gentrifizierten Prenzlauer Berg, entsteht ein „Bionade-Biedermeier“, ein neuer bürgerlicher Moralismus, der die Wokeness-Debatten der Zehnerjahre vorwegnimmt. Peter Thiel, zusammen mit Elon Musk durch PayPal zu Reichtum gekommen, entwirft erstmals seine libertären, antidemokratischen Vorstellungen, die in den USA irgendwann in der MAGA-Bewegung ihren vulgären Ausdruck finden werden. Und am Ende der Nullerjahre steht eine weitere Zäsur, die das folgende Jahrzehnt bestimmen wird – die Finanzkrise von 2008: Gnadenlose Durchsetzung von Interessen  „So zeigt sich in der Krise und insbesondere in der Art der Bewältigung dieser Krise, dass es in jenem Wirtschaftssystem, das sich bis zum Ende der Nullerjahre entwickelt hat, in Wirklichkeit nicht um die völlige Freiheit des Wirtschaftens geht, sondern vielmehr um die Durchsetzung der Interessen von Großbanken und Großkonzernen“, schreibt der Autor. Den Institutionen des demokratischen Staates kommt in diesem Weltbild lediglich noch die Funktion zu, im Fall der Krise mit Steuergeldern subventionierend einzugreifen. Quelle: Jens Balzer - Confusion Is Next Balzers „Confusion Is Next“ – das Zitat stammt aus einem Song von Sonic Youth – zeichnet gut nach, wie sich ein Fundament bilden konnte, auf dem heutige gesellschaftliche Verwerfungen, Polarisierungen und politische Disruptionen fußen. Ganz zurecht nennt er seine Kulturgeschichte im Untertitel ein „Jahrzehnt des Umbruchs“. Ein Ereignis jener Zeit, das vermutlich ebenfalls Anteil an der rechtspopulistischen Wende in Deutschland hatte, wird bei Balzer allerdings nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt: Das „Sommermärchen 2006“, die heimische Fußballweltmeisterschaft, wo eine patriotische Lockerungsübung sondergleichen stattfand und unter fröhlichen Vorzeichen schon mal geübt wurde, nationale Symbole auf der Straße spazieren zu tragen.
Unsere Gegenwart ist immer das Resultat von Ereignissen, Entscheidungen, Erschütterungen vorausgegangener Jahrzehnte. Jens Balzers fortlaufende Kultur- und Mentalitätsgeschichte unserer Zeit begann deshalb schon mit den „entfesselten“ 1970ern, führte über die „pulsierenden“ 80er und die freiheitstrunkenen 90er nun mit dem vierten Band in ein „Jahrzehnt des Umbruchs“: die Nullerjahre. Immer näher rückt er damit unserer unmittelbaren Gegenwart, immer deutlicher erkennbar werden die Weichenstellungen, die uns in eine krisenhafte Jetztzeit geführt haben. Tatsächlich manifestiert sich in den 2000er Jahren ein Wandel, der die Welt durchschüttelt und auf den Kopf stellt. Die Nullerjahre beginnen nicht mit dem befürchteten und dann doch nicht eingetretenen Kollaps der Informationssysteme zum Jahrtausendwechsel, sondern gut anderthalb Jahre später mit dem Einsturz des World-Trade-Centers:  „Die Anschläge des 11. September 2001 gelten auch dieser Idee einer kulturellen Hybridität; sie gelten der Idee, dass die Globalisierung etwas Positives, etwas Fortschrittliches ist; sie wollen eine Rückkehr zu überkommenen Identitäten, zu überkommenen Freund-Feind-Linien herbeibomben.“ 

Etwas Neues entsteht 

Der 11. September ist ein eindrückliches Fanal – und ein Symbol für die Konflikte, mit denen wir es bis heute zu tun haben. Aber auch auf der Mikroebene häufen sich in den Nullerjahren die Zeichen, dass etwas Neues und Bedrohliches im Entstehen begriffen ist. Es wird über „Leitkultur“ gestritten und darüber, was deutsch ist; im breitenwirksamen Gangsta-Rap und im Rechtsrock werden eigentlich längst obsolete Männlichkeits-Bilder aufgerufen, gepaart mit Sexismus, Homophobie und Antisemitismus – unvorstellbare sprachliche Entgleisungen, die in den Zehnerjahren von rechtspopulistischen Bewegungen weiter in den Mainstream getragen werden. Durch Laptops, die Weiterentwicklung von Mobiltelefonen bis hin zum iPhone verwischen die Grenzen zwischen privat und öffentlich, Freizeit und Arbeit. Der Hipster der Nullerjahre ist das, was die Soziologie als „flexiblen Menschen“ oder „digitalen Nomaden“ bezeichnet. Die Individualisierung ist auf dem Vormarsch, ganz entgegen der Versprechungen, die aufkommende soziale Netzwerke wie Facebook in die Welt setzen. Und weil jeder sein eigenes Ego-Unternehmen ist, gewinnen Methoden der Selbstoptimierung an Bedeutung. In manchen Milieus, sprichwörtlich im gentrifizierten Prenzlauer Berg, entsteht ein „Bionade-Biedermeier“, ein neuer bürgerlicher Moralismus, der die Wokeness-Debatten der Zehnerjahre vorwegnimmt. Peter Thiel, zusammen mit Elon Musk durch PayPal zu Reichtum gekommen, entwirft erstmals seine libertären, antidemokratischen Vorstellungen, die in den USA irgendwann in der MAGA-Bewegung ihren vulgären Ausdruck finden werden. Und am Ende der Nullerjahre steht eine weitere Zäsur, die das folgende Jahrzehnt bestimmen wird – die Finanzkrise von 2008:

Gnadenlose Durchsetzung von Interessen 

„So zeigt sich in der Krise und insbesondere in der Art der Bewältigung dieser Krise, dass es in jenem Wirtschaftssystem, das sich bis zum Ende der Nullerjahre entwickelt hat, in Wirklichkeit nicht um die völlige Freiheit des Wirtschaftens geht, sondern vielmehr um die Durchsetzung der Interessen von Großbanken und Großkonzernen“, schreibt der Autor.
Den Institutionen des demokratischen Staates kommt in diesem Weltbild lediglich noch die Funktion zu, im Fall der Krise mit Steuergeldern subventionierend einzugreifen.

Quelle: Jens Balzer - Confusion Is Next

Balzers „Confusion Is Next“ – das Zitat stammt aus einem Song von Sonic Youth – zeichnet gut nach, wie sich ein Fundament bilden konnte, auf dem heutige gesellschaftliche Verwerfungen, Polarisierungen und politische Disruptionen fußen. Ganz zurecht nennt er seine Kulturgeschichte im Untertitel ein „Jahrzehnt des Umbruchs“. Ein Ereignis jener Zeit, das vermutlich ebenfalls Anteil an der rechtspopulistischen Wende in Deutschland hatte, wird bei Balzer allerdings nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt: Das „Sommermärchen 2006“, die heimische Fußballweltmeisterschaft, wo eine patriotische Lockerungsübung sondergleichen stattfand und unter fröhlichen Vorzeichen schon mal geübt wurde, nationale Symbole auf der Straße spazieren zu tragen.