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Episodenübersicht

Leichter angebracht als abgenommen: Die NKWD-Gedenktafel von Köpenick

29.10.2026
Manchmal stößt man auf Geschichte, wo man sie am wenigsten erwartet. Von Valeri Schiller.Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.Ich lebe in Treptow-Köpenick und musste kürzlich zum Finanzamt. Eigentlich wollte ich mich nur mit der deutschen Bürokratie auseinandersetzen – doch gleich am Eingang fiel mir eine Gedenktafel auf:„In diesem Haus, einer ehemaligen Polizeikaserne, befand sich von 1945 bis 1947 ein Stützpunkt des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Nach Kriegsende wurden im Keller dieses Gebäudes zahlreiche Bürgerinnen und Bürger interniert und von hier in Straflager deportiert, wo viele von ihnen umgekommen sind.“Der Text überraschte mich, denn mein Bild vom Berlin des Jahres 1945 war ein anderes: Viele entschiedene Gegner des Regimes waren ermordet worden oder ins Exil gegangen, und ein großer Teil derer, die geblieben waren, hatte sich in irgendeiner Form mit dem System arrangiert. Dass dieses Bild vereinfacht ist, war mir bewusst – umso mehr wollte ich wissen, was hinter dieser Tafel steckt und worauf sie sich stützt.Und hier wird es interessant.Die Tafel wurde im Jahr 2000 auf Anregung des Heimatmuseums Köpenick angebracht, unter anderem gestützt auf eine Untersuchung des Historikers Peter Erler. Dessen Befund wurde später jedoch deutlich korrigiert. Erler selbst schreibt:„Auf diesem Irrtum basierend, deklarierte das Heimatmuseum Köpenick einige Polizeidienststellen zu ‚NKWD-Gefängnissen‘ und initiierte die Anbringung einer Gedenktafel in der heutigen Seelenbinderstraße 99.“Damit stellt sich nicht nur die Frage, was damals geschah, sondern auch, wie wir heute davon erzählen. Wenn die Forschung, auf der die Köpenicker Tafel beruht, inzwischen korrigiert wurde, liegt eine einfache Frage nahe: Warum hängt sie dann noch immer dort?Wer nur die Tafel liest, bekommt ein klares Bild: Nach dem Krieg wurden hier Menschen eingesperrt und in Lager verschleppt, in denen viele starben. Unausgesprochen schwingt mit, dass es Unschuldige waren. Doch wer waren sie? Menschen, die ohne jeden Grund festgenommen wurden, oder NSDAP-Mitglieder, Polizisten, Soldaten? Vermutlich von allem etwas – und genau das macht es kompliziert.Ein Mensch konnte Nationalsozialist sein und später Opfer sowjetischer Repression werden. Das eine macht das andere nicht ungeschehen. Ein Beispiel ist Richard Heike. Seine Fleischwarenfabrik wurde nach dem Krieg in ein Gefängnis umgewandelt, Heike selbst wurde erschossen. So beschreibt es die Website des Landesdenkmalamtes Berlin. Unerwähnt bleibt dort, dass Heike in seinem Betrieb Gewehrschäfte für die deutsche Rüstungsproduktion herstellen ließ – mithilfe polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter. Gerade dieses Detail verändert den Blick auf seine Geschichte erheblich.Natürlich kann jemand zu Unrecht verhaftet und getötet worden sein; das bleibt Unrecht. Aber derselbe Mensch kann zuvor Teil des NS-Systems gewesen sein oder von dessen Verbrechen profitiert haben. Beides kann zugleich wahr sein. Die spätere Verfolgung macht das frühere Handeln nicht besser – sie darf es aber auch nicht aus der Biografie tilgen.Vielleicht ist die Antwort banal: Eine Gedenktafel anzubringen ist offenbar leichter, als sie wieder abzunehmen. So verselbstständigen sich historische Darstellungen. Eine Formulierung steht auf einer Tafel, wird übernommen, zitiert – und gilt irgendwann als Tatsache.Ähnliches begegnet einem auch anderswo. Zum Beispiel stellte die Prager Erklärung vom 3. Juni 2008, zu deren Unterzeichnern auch Joachim Gauck gehörte, die nationalsozialistische und die kommunistische Diktatur auf eine Stufe.Für mich gibt es hier eine Parallele: die Tendenz, die Geschichte aus der sowjetischen Zeit nach und nach umzudeuten oder aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese Geschichte mit der Zeit verfälscht dargestellt wird.Mir geht es nicht darum, Verbrechen gegeneinander aufzurechnen. Im Gegenteil: Wer sich ernsthaft mit Geschichte beschäftigt, muss auch widersprüchliche Biografien aushalten. Ein Mensch kann Täter und Opfer sein – zu einem Zeitpunkt an der Verfolgung anderer beteiligt und später selbst aufgrund dieser Taten verfolgt oder bestraft werden.Geschichte ist eben oft komplizierter als eine Gedenktafel.Und deshalb interessiert mich nicht nur, was in diesem Gebäude zwischen 1945 und 1947 tatsächlich geschah, sondern auch, warum man uns Jahrzehnte später immer noch gerade diese Geschichte über diesen Ort erzählt – und wem genau diese Form der historischen Erinnerung nützt.Titelbild: © Valerie Schiller

Manchmal stößt man auf Geschichte, wo man sie am wenigsten erwartet. Von Valeri Schiller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ich lebe in Treptow-Köpenick und musste kürzlich zum Finanzamt. Eigentlich wollte ich mich nur mit der deutschen Bürokratie auseinandersetzen – doch gleich am Eingang fiel mir eine Gedenktafel auf:

„In diesem Haus, einer ehemaligen Polizeikaserne, befand sich von 1945 bis 1947 ein Stützpunkt des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Nach Kriegsende wurden im Keller dieses Gebäudes zahlreiche Bürgerinnen und Bürger interniert und von hier in Straflager deportiert, wo viele von ihnen umgekommen sind.“

Der Text überraschte mich, denn mein Bild vom Berlin des Jahres 1945 war ein anderes: Viele entschiedene Gegner des Regimes waren ermordet worden oder ins Exil gegangen, und ein großer Teil derer, die geblieben waren, hatte sich in irgendeiner Form mit dem System arrangiert. Dass dieses Bild vereinfacht ist, war mir bewusst – umso mehr wollte ich wissen, was hinter dieser Tafel steckt und worauf sie sich stützt.

Und hier wird es interessant.

Die Tafel wurde im Jahr 2000 auf Anregung des Heimatmuseums Köpenick angebracht, unter anderem gestützt auf eine Untersuchung des Historikers Peter Erler. Dessen Befund wurde später jedoch deutlich korrigiert. Erler selbst schreibt:

„Auf diesem Irrtum basierend, deklarierte das Heimatmuseum Köpenick einige Polizeidienststellen zu ‚NKWD-Gefängnissen‘ und initiierte die Anbringung einer Gedenktafel in der heutigen Seelenbinderstraße 99.“

Damit stellt sich nicht nur die Frage, was damals geschah, sondern auch, wie wir heute davon erzählen. Wenn die Forschung, auf der die Köpenicker Tafel beruht, inzwischen korrigiert wurde, liegt eine einfache Frage nahe: Warum hängt sie dann noch immer dort?

Wer nur die Tafel liest, bekommt ein klares Bild: Nach dem Krieg wurden hier Menschen eingesperrt und in Lager verschleppt, in denen viele starben. Unausgesprochen schwingt mit, dass es Unschuldige waren. Doch wer waren sie? Menschen, die ohne jeden Grund festgenommen wurden, oder NSDAP-Mitglieder, Polizisten, Soldaten? Vermutlich von allem etwas – und genau das macht es kompliziert.

Ein Mensch konnte Nationalsozialist sein und später Opfer sowjetischer Repression werden. Das eine macht das andere nicht ungeschehen. Ein Beispiel ist Richard Heike. Seine Fleischwarenfabrik wurde nach dem Krieg in ein Gefängnis umgewandelt, Heike selbst wurde erschossen. So beschreibt es die Website des Landesdenkmalamtes Berlin. Unerwähnt bleibt dort, dass Heike in seinem Betrieb Gewehrschäfte für die deutsche Rüstungsproduktion herstellen ließ – mithilfe polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter. Gerade dieses Detail verändert den Blick auf seine Geschichte erheblich.

Natürlich kann jemand zu Unrecht verhaftet und getötet worden sein; das bleibt Unrecht. Aber derselbe Mensch kann zuvor Teil des NS-Systems gewesen sein oder von dessen Verbrechen profitiert haben. Beides kann zugleich wahr sein. Die spätere Verfolgung macht das frühere Handeln nicht besser – sie darf es aber auch nicht aus der Biografie tilgen.

Vielleicht ist die Antwort banal: Eine Gedenktafel anzubringen ist offenbar leichter, als sie wieder abzunehmen. So verselbstständigen sich historische Darstellungen. Eine Formulierung steht auf einer Tafel, wird übernommen, zitiert – und gilt irgendwann als Tatsache.

Ähnliches begegnet einem auch anderswo. Zum Beispiel stellte die Prager Erklärung vom 3. Juni 2008, zu deren Unterzeichnern auch Joachim Gauck gehörte, die nationalsozialistische und die kommunistische Diktatur auf eine Stufe.

Für mich gibt es hier eine Parallele: die Tendenz, die Geschichte aus der sowjetischen Zeit nach und nach umzudeuten oder aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese Geschichte mit der Zeit verfälscht dargestellt wird.

Mir geht es nicht darum, Verbrechen gegeneinander aufzurechnen. Im Gegenteil: Wer sich ernsthaft mit Geschichte beschäftigt, muss auch widersprüchliche Biografien aushalten. Ein Mensch kann Täter und Opfer sein – zu einem Zeitpunkt an der Verfolgung anderer beteiligt und später selbst aufgrund dieser Taten verfolgt oder bestraft werden.

Geschichte ist eben oft komplizierter als eine Gedenktafel.

Und deshalb interessiert mich nicht nur, was in diesem Gebäude zwischen 1945 und 1947 tatsächlich geschah, sondern auch, warum man uns Jahrzehnte später immer noch gerade diese Geschichte über diesen Ort erzählt – und wem genau diese Form der historischen Erinnerung nützt.

Titelbild: © Valerie Schiller

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Norwegen und Finnland reden mit Moskau – Bundesregierung setzt auf Eskalation

28.10.2026
Während Finnland und Norwegen den Dialog mit Moskau suchen, setzen die großen europäischen NATO-Staaten und insbesondere die Bundesregierung weiter auf Aufrüstung und eine immer engere Anbindung der Ukraine an den Militärpakt – auf Kosten jeder Verhandlungslösung. Von Sevim Dagdelen.Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.Ein Anruf aus dem NordenWenn nach viereinhalb Jahren in Moskau das Telefon klingelt, sind es der finnische und der norwegische Regierungschef Alexander Stubb und Jonas Gahr Støre, die sich ein Herz gefasst und den russischen Staatschef Wladimir Putin angerufen haben, um über ein Ende des Ukraine-Krieges zu sprechen. Warum ausgerechnet diese beiden Länder, fragt man sich. Vielleicht, weil Norwegen und Finnland eine ganz eigene Geschichte mit der Sowjetunion und ihrem Nachfolgestaat, der Russischen Föderation, verbindet. Die sowjetischen Truppen, die die norwegische Provinz Finnmark 1944 befreit hatten, zogen sich am 1. September 1945 zurück. Finnland, das sich am Völkermord an den Völkern der Sowjetunion durch die Blockade von Leningrad beteiligt hatte und im besetzten Karelien Konzentrationslager betrieb, in denen die russische Bevölkerung interniert wurde, hatte lange auf eine Außenpolitik gesetzt, die eine NATO-Mitgliedschaft ausschloss und eine Berücksichtigung sowjetischer und russischer Sicherheitsinteressen zur Maxime erklärt hatte. Die Sowjetunion hatte den verpachteten Militärstützpunkt Porkkala bei Helsinki 1956 vorzeitig zurückgegeben. Interessensausgleich prägte über Jahrzehnte das gemeinsame Verhältnis. Trotz der finnischen NATO-Wende im Zuge des Ukraine-Krieges scheint Finnland sich im Unterschied zu den anderen europäischen Staaten allerdings noch einen Rest Verstand bewahrt zu haben. Und auch wenn das gemeinsame Telefonat sich im Vortragen bekannter gegensätzlicher Positionen erschöpfte, war es ein Zeichen, dass man im Norden an der russischen Grenze bereit ist zum Dialog. Wer den Dialog verweigertWer aber nicht bereit ist zum Dialog, sind die anderen europäischen NATO-Mitgliedstaaten. Das wurde deutlich in der harten Kritik der dänischen Ministerpräsidentin am Anruf in Moskau. Die sogenannten E5-Staaten – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen – sendeten am 26. Oktober bei ihrem Treffen in Paris ein ganz anderes Signal aus. Nicht um Verhandlungen, sondern um weitere Aufrüstungsgarantien für Kiew ging es bei der Zusammenkunft mit dem ukrainischen Verteidigungsminister. Während also in Abu Dhabi Russland, die USA und die Ukraine über ein Ende des Krieges verhandeln, verfolgen die großen europäischen NATO-Staaten weiterhin ihre militärischen Ziele auf Kosten der Ukrainer. Insbesondere SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius erweist sich als besonderer Scharfmacher. Putin sei nicht an ernsthaften Verhandlungen interessiert, so sein Mantra, um Deutschland und Europa aus den Verhandlungen herauszuhalten. Immer engere Anbindung an die NATOWährenddessen wird auch an anderer Stelle durch die NATO neu eskaliert. Die Ukraine erhält jetzt zum ersten Mal Zugang zu Rüstungsaufträgen der NATO und kann über die Rüstungsbeschaffungsagentur des Militärpakts Verträge abschließen. Die NATO Support and Procurement Agency teilte mit, die Ukraine sei der sogenannten Sicherheitspartnerschaft SCSP beigetreten. Von nun an können ukrainische Rüstungsschmieden an NATO-Ausschreibungen teilnehmen und die Beschaffung von Militärgütern mitgestalten. Die Ukraine ist das erste Nicht-NATO-Mitglied, das an dieser Agentur des Militärpakts teilnehmen kann. Der Beitritt ist definitiv eine deutlich engere operative und technologische Anbindung Kiews an die NATO als bisher. Das ist auch ein politisches Signal, dass eine Verhandlungslösung im Ukraine-Krieg von Seiten der NATO schlicht nicht erwünscht ist. Eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine ist ein zentraler Knackpunkt bei den Verhandlungen. Russland hatte stets auf eine Neutralität des Landes gedrungen. Mit der NATO-Entscheidung vom 22. Oktober setzt man ein klares Signal, dass man weiterhin an einer immer engeren Kooperation von Seiten der NATO mit der Ukraine arbeitet, um so auch mögliche Verhandlungsergebnisse, die die Neutralität der Ukraine festzuschreiben bereit sind, institutionell zu hintertreiben. Die NATO setzt weiterhin auf Expansion und sieht in der Herausforderung Russlands ihr sicherheitspolitisches Heil. Die Europäer insgesamt sind weiter nicht verhandlungsbereit und signalisieren sogar offen, jede Verhandlungslösung torpedieren zu wollen. Ja, allein ein Gespräch mit Moskau zu führen, wird abgelehnt.Das Telefonat des finnischen und norwegischen Regierungschefs bleibt ein Hoffnungsschimmer. Zumal diese beiden Russland-Anrainer Gesprächsbedarf zu sehen scheinen. Wenn es nicht anders geht, müsste das ein Modell sein. Wenn die Europäer als Ganzes nicht verhandeln wollen, dann könnten es zumindest einzelne europäische Staaten tun. Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass insbesondere Deutschland, letztlich die Bevölkerung, für die Blockadehaltung der Bundesregierung einen hohen Preis wird zahlen müssen – weit über die bisherigen wirtschaftlichen Schäden hinaus.Titelbild: 3D_Hue / Shutterstock

Während Finnland und Norwegen den Dialog mit Moskau suchen, setzen die großen europäischen NATO-Staaten und insbesondere die Bundesregierung weiter auf Aufrüstung und eine immer engere Anbindung der Ukraine an den Militärpakt – auf Kosten jeder Verhandlungslösung. Von Sevim Dagdelen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ein Anruf aus dem Norden

Wenn nach viereinhalb Jahren in Moskau das Telefon klingelt, sind es der finnische und der norwegische Regierungschef Alexander Stubb und Jonas Gahr Støre, die sich ein Herz gefasst und den russischen Staatschef Wladimir Putin angerufen haben, um über ein Ende des Ukraine-Krieges zu sprechen.

Warum ausgerechnet diese beiden Länder, fragt man sich. Vielleicht, weil Norwegen und Finnland eine ganz eigene Geschichte mit der Sowjetunion und ihrem Nachfolgestaat, der Russischen Föderation, verbindet. Die sowjetischen Truppen, die die norwegische Provinz Finnmark 1944 befreit hatten, zogen sich am 1. September 1945 zurück.

Finnland, das sich am Völkermord an den Völkern der Sowjetunion durch die Blockade von Leningrad beteiligt hatte und im besetzten Karelien Konzentrationslager betrieb, in denen die russische Bevölkerung interniert wurde, hatte lange auf eine Außenpolitik gesetzt, die eine NATO-Mitgliedschaft ausschloss und eine Berücksichtigung sowjetischer und russischer Sicherheitsinteressen zur Maxime erklärt hatte. Die Sowjetunion hatte den verpachteten Militärstützpunkt Porkkala bei Helsinki 1956 vorzeitig zurückgegeben. Interessensausgleich prägte über Jahrzehnte das gemeinsame Verhältnis.

Trotz der finnischen NATO-Wende im Zuge des Ukraine-Krieges scheint Finnland sich im Unterschied zu den anderen europäischen Staaten allerdings noch einen Rest Verstand bewahrt zu haben. Und auch wenn das gemeinsame Telefonat sich im Vortragen bekannter gegensätzlicher Positionen erschöpfte, war es ein Zeichen, dass man im Norden an der russischen Grenze bereit ist zum Dialog.

Wer den Dialog verweigert

Wer aber nicht bereit ist zum Dialog, sind die anderen europäischen NATO-Mitgliedstaaten. Das wurde deutlich in der harten Kritik der dänischen Ministerpräsidentin am Anruf in Moskau. Die sogenannten E5-Staaten – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen – sendeten am 26. Oktober bei ihrem Treffen in Paris ein ganz anderes Signal aus. Nicht um Verhandlungen, sondern um weitere Aufrüstungsgarantien für Kiew ging es bei der Zusammenkunft mit dem ukrainischen Verteidigungsminister.

Während also in Abu Dhabi Russland, die USA und die Ukraine über ein Ende des Krieges verhandeln, verfolgen die großen europäischen NATO-Staaten weiterhin ihre militärischen Ziele auf Kosten der Ukrainer. Insbesondere SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius erweist sich als besonderer Scharfmacher. Putin sei nicht an ernsthaften Verhandlungen interessiert, so sein Mantra, um Deutschland und Europa aus den Verhandlungen herauszuhalten.

Immer engere Anbindung an die NATO

Währenddessen wird auch an anderer Stelle durch die NATO neu eskaliert. Die Ukraine erhält jetzt zum ersten Mal Zugang zu Rüstungsaufträgen der NATO und kann über die Rüstungsbeschaffungsagentur des Militärpakts Verträge abschließen. Die NATO Support and Procurement Agency teilte mit, die Ukraine sei der sogenannten Sicherheitspartnerschaft SCSP beigetreten. Von nun an können ukrainische Rüstungsschmieden an NATO-Ausschreibungen teilnehmen und die Beschaffung von Militärgütern mitgestalten. Die Ukraine ist das erste Nicht-NATO-Mitglied, das an dieser Agentur des Militärpakts teilnehmen kann.

Der Beitritt ist definitiv eine deutlich engere operative und technologische Anbindung Kiews an die NATO als bisher. Das ist auch ein politisches Signal, dass eine Verhandlungslösung im Ukraine-Krieg von Seiten der NATO schlicht nicht erwünscht ist. Eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine ist ein zentraler Knackpunkt bei den Verhandlungen. Russland hatte stets auf eine Neutralität des Landes gedrungen. Mit der NATO-Entscheidung vom 22. Oktober setzt man ein klares Signal, dass man weiterhin an einer immer engeren Kooperation von Seiten der NATO mit der Ukraine arbeitet, um so auch mögliche Verhandlungsergebnisse, die die Neutralität der Ukraine festzuschreiben bereit sind, institutionell zu hintertreiben.

Die NATO setzt weiterhin auf Expansion und sieht in der Herausforderung Russlands ihr sicherheitspolitisches Heil. Die Europäer insgesamt sind weiter nicht verhandlungsbereit und signalisieren sogar offen, jede Verhandlungslösung torpedieren zu wollen. Ja, allein ein Gespräch mit Moskau zu führen, wird abgelehnt.

Das Telefonat des finnischen und norwegischen Regierungschefs bleibt ein Hoffnungsschimmer. Zumal diese beiden Russland-Anrainer Gesprächsbedarf zu sehen scheinen. Wenn es nicht anders geht, müsste das ein Modell sein. Wenn die Europäer als Ganzes nicht verhandeln wollen, dann könnten es zumindest einzelne europäische Staaten tun. Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass insbesondere Deutschland, letztlich die Bevölkerung, für die Blockadehaltung der Bundesregierung einen hohen Preis wird zahlen müssen – weit über die bisherigen wirtschaftlichen Schäden hinaus.

Titelbild: 3D_Hue / Shutterstock

Schnallt euch gut an: Der Zusammenstoß steht bevor

28.10.2026
Im Folgenden drucken wir die Gedanken zur französischen Jugendrevolte des italienischen Philosophen Andrea Zhok ab, den er ursprünglich in italienischer Sprache auf seinem Telegram-Kanal veröffentlicht hat. Deutsche Übersetzung von Maike Gosch.Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.Schnallt euch gut anDie Bilder der Flammen, die das Rathaus von Limoges in Frankreich verschlingen, und des Einsturzes des Glockenturms gehen um die Welt. Vorfälle wie dieser können nur verurteilt werden, ebenso wie die Plünderungen, die die Proteste in vielen Regionen Frankreichs begleitet haben.Würden wir uns jedoch auf diese Ebene der Betrachtung beschränken, würden wir lediglich eine klassische Übung in kleinbürgerlichem Konservatismus betreiben, die zwar ihre Gründe hat, aber auch dramatisch kurzsichtig ist. Über ausgebrannte Autos und zerbrochene Schaufenster zu predigen, ohne darüber hinauszugehen, ist nur ein Zeichen dafür, dass man die Ernsthaftigkeit der Umstände, in denen wir uns befinden, noch nicht begriffen hat.Was wir in Frankreich beobachten – und mittlerweile in unterschiedlicher Form auch in vielen anderen europäischen Ländern (Spanien, Portugal, Albanien, Belgien und seit gestern auch in Italien) –, ist alles andere als ein irrationales Ereignis. Es gibt nämlich historische Ereignisse, die nur aus lokaler Perspektive irrational erscheinen, aber eine offensichtliche Rationalität besitzen, wenn man sie aus ausreichender Höhe betrachtet.Rational bedeutet nicht, das etwas schmerzlos oder frei von Ungerechtigkeiten ist.Man muss den Blick schulen, um zwei Analyseebenen gleichzeitig im Blick zu behalten: jene, auf der man bestimmte Handlungen und bestimmte Personen als barbarisch, unzivilisiert oder vandalistisch beurteilen kann, und jene, auf der man verstehen kann (und muss), dass die Geschichte immer ein Fluss ist, in dem Trümmer und Leichen treiben, der sich aber nicht durch Predigten aufhalten lässt.Was gerade geschieht, folgt einer eisernen kollektiven Rationalität, auch wenn diejenigen, die daran beteiligt sind, oft nur ein begrenztes oder gar kein Verständnis dafür haben.Die Erfahrung, die die europäischen Bevölkerungen seit vielen Jahren mit ihren herrschenden Klassen machen, ist die eines anonymen technokratischen Organismus, einer sich selbst bewegenden Gummimauer, die sich auf „Autopilot“ bewegt und den Bedürfnissen der Bevölkerung völlig gleichgültig gegenübersteht. Das Ziel dieser mit der Finanzwelt verflochtenen technokratischen Schichten bestand darin, die Gewissen der Menschen mit dem heutigen Opium des Volkes – den Medien (Entertainment & Infotainment) – einzulullen und die Widerspenstigen mit restriktiven Maßnahmen zu zähmen (ein Schlag mit dem Schlagstock hier, eine Kontosperrung dort, ein kleines Wahlgesetz hier, eine Wahlannullierung dort usw.).Die allgemeine, stillschweigende und unbestrittene Prämisse der europäischen Führungsschichten lautet, dass man mit dem Pöbel nicht vernünftig reden kann, sondern einfach Zuckerbrot und Peitsche abwechselnd einsetzt.Alles, was öffentlich gesagt wird, ist stets eine instrumentalisierte Lüge, ohne Ausnahme, abgesehen von den vereinzelten Fällen, in denen eine Wahrheit ihrerseits instrumentalisiert werden kann. Die öffentliche Debatte ist zu einem endlosen Theaterstück geworden, das sich immer weniger darum kümmert, einen Anschein von Glaubwürdigkeit zu wahren.So glaubt niemand, der bei klarem Verstand ist, wirklich, dass Russland im Begriff ist, in unser Land einzufallen, aber das hindert Scharen von institutionellen Schwätzern nicht daran, diesen Unsinn jeden Tag mit ernstem Gesicht zu wiederholen. Und natürlich weiß die ganze Welt, dass in diesem Märchenspiel, das von den Boulevardzeitungen angeheizt wird, der einzige relevante Punkt – der stabile Dreh- und Angelpunkt bei allen wechselnden Umständen – die Absicht ist, willkürlich über öffentliche Ressourcen zu verfügen, um sie privaten Interessen zuzuführen.Kurz gesagt: Die herrschenden Klassen haben sich längst daran gewöhnt, die Bevölkerung wie dumme Tiere zu behandeln, denen sie keine rationale Begründung schulden und die einerseits mit selektiven Verlockungen und gezielten Privilegien, andererseits durch Entmachtung zu lenken sind.Und dieser Mechanismus kann funktionieren und funktioniert auch lange Zeit.Bis er nicht mehr funktioniert.Und er funktioniert nicht mehr an dem Tag, an dem zu viele Menschen zu viel verlieren, um es sich leisten zu können, in einem Zustand der Lethargie zu verharren.Man darf „zu viel verlieren“ hier nicht mit Dingen wie „Tod durch Verhungern“ gleichsetzen.In einer modernen Gesellschaft geraten die Menschen schon lange bevor sie „verhungern“ in einen Zustand unerträglicher Entbehrung.Heute bedeutet es beispielsweise für den Großteil der Bevölkerung, vom Rest der Welt, von der Arbeit, vom sozialen Leben und vom Leben selbst abgeschnitten zu sein, wenn man es sich nicht leisten kann, ein Auto zu nutzen oder Zugang zum Internet zu haben. Und die Tatsache, dass Autos und Handys einst Luxusgüter waren, bedeutet nichts: Jetzt ist dies die neue Ebene der „Teilnahme am gemeinsamen Leben“, das, was Leben von Nicht-Leben unterscheidet.Ein Volk, das wie Lasttiere gezüchtet wird, denen man gelegentlich „panem et circenses“, beschissene Gelegenheitsjobs und Fernsehpropaganda verabreicht, wird – an dem Tag, an dem dieses Spiel ins Stocken gerät – für die Argumente der öffentlichen Anständigkeit, des Respekts vor Eigentum, der Ehrerbietung gegenüber Denkmälern usw. nicht empfänglich sein.Diejenigen, die Autos, historische Gebäude und Geschäfte in Brand stecken, sind kulturell und moralisch benachteiligte Menschen. Doch die wahren Schuldigen, diejenigen, die zur Rechenschaft gezogen werden sollten, sind jene obersten Schichten, die diese Benachteiligung gefördert und gewollt haben, weil sie dachten, es sei nützlich für sie.Heute steht der Druckkochtopf kurz vor der Explosion. Selbst wenn diese Welle wieder abebben sollte, ist dies nur der Anfang, denn die europäischen Führungsschichten sind weder materiell noch kulturell in der Lage, den Kurs zu korrigieren. Also schnallt euch an, denn der Zusammenstoß steht bevor.Titelbild: Pierre Laborde / ShutterstockMehr zum Thema: Der „Macronismus“ ist am Ende – Das französische Volk begehrt aufDie Jugend rebelliert – und die Eliten verstehen die Welt nicht mehr

Im Folgenden drucken wir die Gedanken zur französischen Jugendrevolte des italienischen Philosophen Andrea Zhok ab, den er ursprünglich in italienischer Sprache auf seinem Telegram-Kanal veröffentlicht hat. Deutsche Übersetzung von Maike Gosch.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Schnallt euch gut an

Die Bilder der Flammen, die das Rathaus von Limoges in Frankreich verschlingen, und des Einsturzes des Glockenturms gehen um die Welt. Vorfälle wie dieser können nur verurteilt werden, ebenso wie die Plünderungen, die die Proteste in vielen Regionen Frankreichs begleitet haben.

Würden wir uns jedoch auf diese Ebene der Betrachtung beschränken, würden wir lediglich eine klassische Übung in kleinbürgerlichem Konservatismus betreiben, die zwar ihre Gründe hat, aber auch dramatisch kurzsichtig ist. Über ausgebrannte Autos und zerbrochene Schaufenster zu predigen, ohne darüber hinauszugehen, ist nur ein Zeichen dafür, dass man die Ernsthaftigkeit der Umstände, in denen wir uns befinden, noch nicht begriffen hat.

Was wir in Frankreich beobachten – und mittlerweile in unterschiedlicher Form auch in vielen anderen europäischen Ländern (Spanien, Portugal, Albanien, Belgien und seit gestern auch in Italien) –, ist alles andere als ein irrationales Ereignis. Es gibt nämlich historische Ereignisse, die nur aus lokaler Perspektive irrational erscheinen, aber eine offensichtliche Rationalität besitzen, wenn man sie aus ausreichender Höhe betrachtet.

Rational bedeutet nicht, das etwas schmerzlos oder frei von Ungerechtigkeiten ist.

Man muss den Blick schulen, um zwei Analyseebenen gleichzeitig im Blick zu behalten: jene, auf der man bestimmte Handlungen und bestimmte Personen als barbarisch, unzivilisiert oder vandalistisch beurteilen kann, und jene, auf der man verstehen kann (und muss), dass die Geschichte immer ein Fluss ist, in dem Trümmer und Leichen treiben, der sich aber nicht durch Predigten aufhalten lässt.

Was gerade geschieht, folgt einer eisernen kollektiven Rationalität, auch wenn diejenigen, die daran beteiligt sind, oft nur ein begrenztes oder gar kein Verständnis dafür haben.

Die Erfahrung, die die europäischen Bevölkerungen seit vielen Jahren mit ihren herrschenden Klassen machen, ist die eines anonymen technokratischen Organismus, einer sich selbst bewegenden Gummimauer, die sich auf „Autopilot“ bewegt und den Bedürfnissen der Bevölkerung völlig gleichgültig gegenübersteht. Das Ziel dieser mit der Finanzwelt verflochtenen technokratischen Schichten bestand darin, die Gewissen der Menschen mit dem heutigen Opium des Volkes – den Medien (Entertainment & Infotainment) – einzulullen und die Widerspenstigen mit restriktiven Maßnahmen zu zähmen (ein Schlag mit dem Schlagstock hier, eine Kontosperrung dort, ein kleines Wahlgesetz hier, eine Wahlannullierung dort usw.).

Die allgemeine, stillschweigende und unbestrittene Prämisse der europäischen Führungsschichten lautet, dass man mit dem Pöbel nicht vernünftig reden kann, sondern einfach Zuckerbrot und Peitsche abwechselnd einsetzt.

Alles, was öffentlich gesagt wird, ist stets eine instrumentalisierte Lüge, ohne Ausnahme, abgesehen von den vereinzelten Fällen, in denen eine Wahrheit ihrerseits instrumentalisiert werden kann. Die öffentliche Debatte ist zu einem endlosen Theaterstück geworden, das sich immer weniger darum kümmert, einen Anschein von Glaubwürdigkeit zu wahren.

So glaubt niemand, der bei klarem Verstand ist, wirklich, dass Russland im Begriff ist, in unser Land einzufallen, aber das hindert Scharen von institutionellen Schwätzern nicht daran, diesen Unsinn jeden Tag mit ernstem Gesicht zu wiederholen. Und natürlich weiß die ganze Welt, dass in diesem Märchenspiel, das von den Boulevardzeitungen angeheizt wird, der einzige relevante Punkt – der stabile Dreh- und Angelpunkt bei allen wechselnden Umständen – die Absicht ist, willkürlich über öffentliche Ressourcen zu verfügen, um sie privaten Interessen zuzuführen.

Kurz gesagt: Die herrschenden Klassen haben sich längst daran gewöhnt, die Bevölkerung wie dumme Tiere zu behandeln, denen sie keine rationale Begründung schulden und die einerseits mit selektiven Verlockungen und gezielten Privilegien, andererseits durch Entmachtung zu lenken sind.

Und dieser Mechanismus kann funktionieren und funktioniert auch lange Zeit.

Bis er nicht mehr funktioniert.

Und er funktioniert nicht mehr an dem Tag, an dem zu viele Menschen zu viel verlieren, um es sich leisten zu können, in einem Zustand der Lethargie zu verharren.

Man darf „zu viel verlieren“ hier nicht mit Dingen wie „Tod durch Verhungern“ gleichsetzen.

In einer modernen Gesellschaft geraten die Menschen schon lange bevor sie „verhungern“ in einen Zustand unerträglicher Entbehrung.

Heute bedeutet es beispielsweise für den Großteil der Bevölkerung, vom Rest der Welt, von der Arbeit, vom sozialen Leben und vom Leben selbst abgeschnitten zu sein, wenn man es sich nicht leisten kann, ein Auto zu nutzen oder Zugang zum Internet zu haben. Und die Tatsache, dass Autos und Handys einst Luxusgüter waren, bedeutet nichts: Jetzt ist dies die neue Ebene der „Teilnahme am gemeinsamen Leben“, das, was Leben von Nicht-Leben unterscheidet.

Ein Volk, das wie Lasttiere gezüchtet wird, denen man gelegentlich „panem et circenses“, beschissene Gelegenheitsjobs und Fernsehpropaganda verabreicht, wird – an dem Tag, an dem dieses Spiel ins Stocken gerät – für die Argumente der öffentlichen Anständigkeit, des Respekts vor Eigentum, der Ehrerbietung gegenüber Denkmälern usw. nicht empfänglich sein.

Diejenigen, die Autos, historische Gebäude und Geschäfte in Brand stecken, sind kulturell und moralisch benachteiligte Menschen. Doch die wahren Schuldigen, diejenigen, die zur Rechenschaft gezogen werden sollten, sind jene obersten Schichten, die diese Benachteiligung gefördert und gewollt haben, weil sie dachten, es sei nützlich für sie.

Heute steht der Druckkochtopf kurz vor der Explosion. Selbst wenn diese Welle wieder abebben sollte, ist dies nur der Anfang, denn die europäischen Führungsschichten sind weder materiell noch kulturell in der Lage, den Kurs zu korrigieren. Also schnallt euch an, denn der Zusammenstoß steht bevor.

Titelbild: Pierre Laborde / Shutterstock